Schwanengesänge, schwindelerregend
Lulu, die Schlange, das süße Tier, die Urgestalt des Weibes, wie sie der Tierbändiger im Prolog von Bergs Oper nennt – ist dieses von jeglicher Ratio und sozialer Verantwortung befreite Wesen aus vier Buchstaben überhaupt ein Mensch? Oder ist sie eher eine literarische Konstruktion, ein abstraktes Symbol aller männlichen Ängste vor dem Unkontrollierbaren, kondensierte Tiefenpsychologie, dominiert vom Kastrationskomplex mit all seinen tragischen und komischen Seiten?
Krzysztof Warlikowski, der Regisseur von Bergs unvollendetem Vermächtnis am Brüsseler Opernhaus, hat sich sol
che Gedanken zusammen mit seinem Dramaturgen Christian Longchamp reichlich gemacht – so reichlich, dass diese «Lulu» bildmächtig wie selten, zuweilen auch überladen wirkt. Aber alle Verrätselungen und gedanklichen Verknotungen zerplatzen, wenn Barbara Hannigan in der Titelrolle die Bühne entert und sie in den kommenden vier Stunden (man spielt die dreiaktige Fassung in Friedrich Cerhas Rekonstruktion) zu ihrem ganz persönlichen Schlachtplatz macht. Denn diese Lulu verströmt keinen Charme, ja nicht einmal Erotik, obwohl sie meist mit perfektem Astralleib und wenig mehr als knappen Dessous auftritt. Hannigan/Lulu ...
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Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen
Es grenzt an ein Wunder, dass die dritte Vorstellung von Thomas Adès’ 2004 uraufgeführter Oper «The Tempest» in der Met überhaupt stattfand: Schließlich war New York bereits seit zwei Tagen buchstäblich abgeriegelt wegen des verheerendsten Sturms seit1938. Überflutungen diesen Ausmaßes hatte die Metropole seit 1821 nicht mehr erlebt. Doch obwohl mehrere Millionen...
«Wie kann Babylon klingen?», hatte der Komponist Jörg Widmann sich selbst im Gespräch gefragt, mit einem Schuss Vorfreude und etwas Beklommenheit. Gemeint waren: die irrealen Klangbilder der mythischen Stadt zwischen Euphrat und Tigris zum einen, die realen Klänge der eigenen Oper zum andern. Lauter Rätselklänge? Schwierig und herausfordernd genug deren Entstehung:...
«Man muss natürlich mit Kompromissen leben», sagt Vello Pähn. Seit August ist er Künstlerischer Direktor und Chefdirigent der «Rahvusooper Estonia», der estnischen Nationaloper in Tallinn. Zwanzig Jahre war Pähn auf Achse, gastierte vor allem in Westeuropa, auch in Japan und Amerika. Doch jetzt zog es den 54-Jährigen in die Stadt zurück, in der er aufwuchs und der...
