Schreiben, treiben
Eine Frau betrügt ihren Mann mit einem Jüngling. Ihr Mann gibt ihr das Herz des Jünglings zu essen, woraufhin sie sich umbringt. Eine klassische Dreieckskonstellation mit blutigem Ausgang. Eine Geschichte, die erzählt werden will. Und in George Benjamins «Written on Skin» (siehe OW 9-10/2012) wird sie erzählt – vordergründig linear. Doch Martin Crimp spielt in seinem Libretto auf faszinierende Weise mit der Erzählperspektive. Zunächst bleiben die Figuren namenlos – «the boy», «the woman», «the man» – wodurch das Dreieck im archetypisch Allgemeinen verortet wird.
Dass die Figuren ihre eigenen Erzähler sind («... says the woman», singt etwa Agnès), verstärkt die Distanz zum Geschehen und verweist zugleich auf das Buch, das der Jüngling schreibt: Die Figuren sind auch Figuren dieses Buches. Vor allem eine will sich daraus lösen, will selbst gestalten: die Frau, Agnès. Denn es ist nicht ihre Geschichte. So fällt, als sie mit dem Jüngling eine Liebesbeziehung beginnt, der Erzähler weg, zugunsten der direkten Rede. Ein Naherücken. Ein Ringen um Identität. Und gerade dort, wo Agnès’ Selbst bestätigt oder verleugnet wird, bricht die Singstimme aus dem litaneihaften Kreisen über ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Wiebke Roloff
Impressum
55. Jahrgang, Nr 7
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752269
Redaktion Opernwelt
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
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Redaktionsschluss dieser Ausgabe
war der 10.06.2014
Redaktion
Wiebke Roloff
Albrecht Thiemann (V. i. S. d....
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