Routiniert und inspiriert
Dass Donizettis «Liebestrank» auf der Szene schwieriger zu mischen ist als der Trank Isoldes, auf den sich der Titel bezieht, merken viele Regisseure erst, wenn sie ihre Arbeit beendet haben. Die Komödie mit der «heimlichen Träne» hat nämlich mehr Tiefgang, als ihr Plot auf den ersten Blick vermuten lässt.
Laurent Pelly, der sich mit seinen Offenbach-Inszenierungen und seiner Londoner «Regimentstochter» als ein Meister des heiteren Musiktheaters ausgewiesen hat, wurde bei seiner Pariser Produktion dieser Oper von Witz und Ironie anscheinend im Stich gelassen.
In einer Szenerie, die von einer überdimensionalen Heuburg dominiert wird, fährt Dulcamara mit einem großen Transportwagen auf die Szene, Adina benutzt das Fahrrad, ein Traktor schafft des Weiteren ländliches Kolorit. Die Kostüme erinnern an den Neorealismus der fünfziger Jahre. All das ist mit dieser Oper zu machen, aber Pelly zieht keinen Nutzen aus diesen konkreten Bezügen, sondern hangelt sich mit billiger Spielastik durch das Stück, produziert unentwegt «lustige» Einfälle, die jeder routinierte Provinz-Regisseur aus dem Ärmel schüttelt.
Dabei bleibt die Führung des Chores überwiegend schablonenhaft und die Zeichnung der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Die Schrecken der Oper sind süß», heißt es in Heiner Müllers «Quartett». Es war die Idee des Regisseurs Thomas Bischoff, zwischen Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» und Schönbergs «Erwartung» eine Kurzversion von Heiner Müllers Schauspiel «Quartett» zu setzen und so den Reigen der Paare, der als knallbunter Werbefoto-Fries den Abend begleitet, bis in die...
Ulrich Schreiber nennt sie den «wichtigsten Beitrag Frankreichs zur veristischen Opernbewegung». Der gute alte Kloiber hatte schon Jahrzehnte zuvor die «fast surrealistisch überhöhten» Milieuschilderungen in Gustave Charpentiers «Louise» hervorgehoben. Eben diesen Weg, den vor kurzem Christof Loy in Duisburg (siehe OW 11/2008) gegangen war, wählt jetzt auch...
Im Musiktheater unserer Tage wird gern die kritische Philosophie als Stichwortgeber bemüht. Von Adorno bis zu Peter Sloterdijk und von Horkheimer bis zu Giorgio Agamben reicht die Palette der Vordenker, deren Analysen zum schlechten Stand der Welt die (im Programmheft mitgelieferte) Folie für manche Regiearbeit bilden, die eine radikale Neubefragung, wenn nicht...
