Rieselnde Zeit
Die schwebende Kantilene des Vorspiels, mit der Verdi Liebe und Tod der Violetta auf den Plan ruft, lässt Daniel Barenboim von den vierfach geteilten Streichern fein schattiert auftragen. Und er fügt den Phrasen eine Emphase des Seelischen hinzu: So nachdrücklich im An- und Abschwellen der Töne hört man das Preludio selten. Auf der Bühne begibt sich währenddessen theatrale Empathie: Eine in Schwarz gehüllte Trauernde legt stumm eine weiße Blume auf die Bühne wie auf ein Grab.
Regisseur Dieter Dorn erzählt in zweieinviertel pausenlosen Stunden die Geschichte vom Lieben und Sterben einer Frau, beschwört den Mythos von der Vergänglichkeit des Lebens.
Ruckartig stürzt sich Verdis Musik nach dem Vorspiel in die rauschende Lustbarkeit des Pariser Salons der Violetta Valery. Der Staatsopernchor (Martin Wright) müht sich um Intonationsübereinkunft. Eine modisch eingekleidete Männergesellschaft und die in Abendroben aufgetakelte Damenwelt feiern eine eher genügsame Party (Kostüme: Moidele Bickel). Als Salon steht ein halbrunder schwarzer Raumzylinder mit Türen atmosphärelos zur Verfügung (Bühne: Joanna Piestrzynska). Das Ambiente wird zentral von einem mächtigen Spiegel beherrscht, dessen ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Wolfgang Schreiber
Der Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch hat ein Buch geschrieben, das das Richard-Wagner-Jubel-Jahr 2013 geziert hätte. Indirekt entlarvt es im Nachhinein viele der kalkuliert zum 200. Geburtstag entstandenen Publikationen als Schnellschüsse, als muskelschlaffe biografische Klimmzüge: Wagners Frauen, Wagner als Revoluzzer, Wagner «Mit den...
Obwohl sie nicht wirklich ein Repertoirestück geworden ist wie «Norma» oder «La sonnambula», gibt es von Bellinis (nicht auf Shakespeare, sondern auf Matteo Bandellos Novelle zurückgreifender) Romeo-und-Julia-Version «I Capuleti e i Montecchi» nicht weniger als 20 Aufnahmen. Bei den meisten handelt es sich um Live-Mitschnitte, der letzte (mit Anna Netrebko und...
Ein Dorf in Süditalien haben Bühnenbildner Paolo Fantin und Regisseur Damiano Michieletto für Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Leoncavallos «Pagliacci» an Covent Garden skizziert. Keinen Postkartenort, sondern eine schmuddelige Siedlung in einer wirtschaftlich maroden Gegend, mit Satellitenschüsseln als Fassadenschmuck und bröckelndem Putz. Man ahnt, wie sich...
