Mozart: Don Giovanni
Mozarts «Don Giovanni», die Oper aller Opern, lieferte mehr Stoff zu Spekulationen als selbst das geheimnisumwitterte Requiem. Die Regisseurin Sandra Leupold indes hat alle literarisch-philosophischen Überschreibungen von Libretto und Musik dort stehen lassen, wo sie hingehören – im Buchregal – und das wahrhaft inkommensurable Werk in ihrer Heidelberger Inszenierung ohne Wenn und Aber, ohne Tiefenpsychologie und politische Aktualisierung auf die Bretter des Theaters zurückgeholt.
Acht Sänger treffen sich auf der Szene und spielen Sänger, die «Don Giovanni» spielen.
Jeder mit einem Stuhl bewaffnet gesellen sie sich zur Musik der Ouvertüre wie zufällig aufs Podium. Als zuletzt Don Giovanni – ohne Stuhl! – auftritt, schnappt er sich einfach den seines Dieners und kippt Leporello zu Boden. Später, nach dem Mord am Komtur, dreht Leporello den Spieß um und komplimentiert seinen Herrn auf den frei gewordenen Stuhl des Toten. Ohne es noch recht gemerkt zu haben, sind die Spieler Teilnehmer und wir die Zuschauer einer außerordentlichen Geschichte.
Dieser simple Grundeinfall, in dem episches und gestisches Theater sich überlagern, schafft gleichermaßen Distanz wie Perspektive. Anderer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein Gespenst geht um in der Opernszene. Es hört auf einen alten Begriff, den es verzerrt: Aktualität. Als sich Calixto Bieito kürzlich in Berlin an «Madame Butterfly» vergriff, verlegte er die Handlung in ein Etablissement für Sextourismus. Die Aufführung zu rezensieren, lohnt sich nicht, da sie nur ein weiteres Beispiel für die Guinness-Buch-verdächtige Fähigkeit...
Edgar Allan Poe hat es auf den Punkt gebracht: «Was das Publikum in einer Zeitschrift sucht, ist das anderswo nirgends Beschaffbare.» Das gilt auch und gerade für den Inseratenteil von Zeitungen. Keiner hat sich darüber lustiger gemacht als Gioacchino Rossini in seinem Dramma per musica «La gazzetta», frei nach Goldonis Stück «Il matrimonio per concorso», mit dem...
Renato Capecchi war sechsundzwanzig Jahre alt, als er in Aix-en-Provence unter Hans Rosbauds Leitung seinen ersten Don Giovanni sang. Jahrzehnte später erzählte er mir, dass er, der Italiener, erst von dem deutschen Maestro gelernt habe, wie man italienische Secco-Rezitative richtig gestaltet. Doch die theatralisch ungewöhnlich lebendigen (klavierbegleiteten)...
