Irrgarten der Geschichte
«Der Ruhm mag verschwinden, die Vergessenheit währt ewig.» Der Satz, dem Philosophen Arthur Schopenhauer zugeschrieben, beschreibt das Los längst im Fundus verschwundener Werke, die plötzlich als «Meisterwerke», nicht selten als «sträflich vergessene» Meisterwerke geadelt werden.
Umso schöner, wenn sich Festivals oder auch kleinere Bühnen nicht damit begnügen, nur den Esel des Erfolgs zu satteln – wie in diesem Jahr die Salzburger Festspiele mit George Enescus «Œdipe», das Theater Osnabrück mit Albéric Magnards «Guercœur» und nun das Lübecker Theater mit Darius Milhauds «Christophe Colomb». Die auf ein Libretto von Paul Claudel komponierte Kolumbus-Oper wurde 1930 in Berlin unter Erich Kleiber triumphal uraufgeführt, nach 100 Chor- und 25 Orchesterproben (!), aber bald darauf durch Nazi-Schmähungen stigmatisiert und später vor allem wegen der immensen szenischen Anforderungen nur noch selten und meist konzertant aufgeführt.
Es war ein mutiges Unterfangen für das Theater Lübeck, sich in den barocken Irrgarten dieses Musiktheaterfremdlings zu wagen, in dem sich «Mysterienspiel und Revue, Oper und multimediales Gesamtkunstwerk, Historienspektakel und Ideenlehre, Psychogramm und Action-Thriller, Filmkunst und Bühnenkunst, Parodie und Experiment» (Michael Stegemann) zur heterogenen Einheit verbinden. Die besonderen Schwierigkeiten der Verwirklichung ergeben sich zum einen aus Claudels Idee eines «totalen Theaters», dessen Schauplatz «die ganze Welt» ist, zum anderen aus der ständigen Überlagerung diverser Handlungsebenen. Zu Beginn wird von einem Erzähler, dem «récitant» oder «explicateur», das Lebensbuch des zu einer christlichen Heilsfigur stilisierten Kolumbus aufgeschlagen, es gibt Auskunft über die Figuren bzw. widerstreitenden Parteien. Das Publikum sieht die Schauspieler zum einen als realistische Akteure, zugleich werden ihre Gedanken und Gefühle auf einer Leinwand visualisiert. Ein Verwirrspiel, das, wie Jens Rosteck in einer tief lotenden Studie über das Stück ausführt, mehrere Ebenen verblendet. So gibt es eine narrative Schicht: Hier wird vor Augen geführt, was historisch verbürgt ist. Aber auch eine symbolische Schicht, die das Geschehen ins Allegorische transformiert. Der Effekt: eine geradezu labyrinthische Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Handlung und Erinnerungen, politische und moralische Reflexion fließen ineinander.
Der Kompass im Wirrwarr der Handlung(en) ist die «Botschaft» des erz-katholischen Dichters. Er sieht in Kolumbus einen «second rédempteur de l’humanité», eine Heilandsfigur, in der Entdeckung Amerikas eine Fortschreibung der christlichen Heilsgeschichte. Dazu gehört beispielsweise die Verklärung des Helden mit den Mitteln einer «Etymogelei» (Ulrich Schreiber). Durch die Herkunft des Nachnamens vom lateinischen Wort «columba» (Taube), so die Mär, wird die Rolle des kolonialen Abenteurers als die eines Friedensstifters ausgewiesen, als Christus-Träger (Christophorus) wird er zum Heilsbringer für die Ureinwohner verklärt. Diese Sakralisierung wird konterkariert durch Bilder und Szenen über die Schuld, die der Eroberer, etwa als Sklavenhändler, auf sich geladen hat. Die Inszenierung Milo Pablo Momms und das Bühnenbild Erika Hoppes spielen darauf an, indem sie, behutsam und ohne demonstrativen Zorn, Zeugnisse der durch den Kolonialismus zerstörten Kulturen zeigen, die im Lübecker Völkerkundemuseum aufbewahrt werden.
Für die Produktion im Theater an der Beckergrube hat Milo Pablo Momm in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Andreas Wolf das dichte Gestrüpp der Episoden lichten müssen, aus sechs Figuren den Teufel, den Gegenspieler des Titelhelden, gefügt. Das ist, soweit man dies ohne Kenntnis anderer Inszenierungen beurteilen kann, überzeugend gelungen. Dem stimmstarken Bariton Johan Hyungbong Choi gelingt es, der Figur des Kolumbus – einer melodisch eher knapp gehaltenen, deklamatorisch geprägten, rein sängerisch nicht sehr ergiebigen Partie – markantes Profil zu geben. Glänzend die Teufel-Darstellung des in fließender Erscheinung agierenden Tenors Daniel Jenz. Überraschend vielleicht, aber durchaus plausibel, dass Regisseur und Dirigent sich für die Erstfassung des Stücks entschieden und nicht für die bearbeitete Version aus dem Jahr 1956, für die Milhaud die beiden Akte umstellte – womöglich unter dem Eindruck der damals aufflammenden Diskussion über den Kolonialismus. Letztere endet mit der Ankunft der Karavelle des Kolumbus an der amerikanischen Küste und der Begegnung mit einer Götzenstatue. Erstere damit, dass der heilige Jakob vor dem Schattenbild des amerikanischen Kontinents die spanische Königin ins Paradies führt. Selber zu einer Marienfigur stilisiert, fleht sie die heilige Jungfrau um Erbarmen für den Eroberer an. In Momms Inszenierung hängt Kolumbus am Ende wie Christus am Kreuz, darunter ein von Pfeilen durchbohrter Sebastian. Vordergründig hat das die Anmutung von Sakralkitsch. Doch eigentlich setzt das Bild ein skeptisch-ironisches Zeichen gegen die eschatologisch überhöhte Figur der Titelgestalt.
Milhaud: Christophe Colomb
LÜBECK | THEATER
Premiere am 12. Oktober 2019
Musikalische Leitung: Andreas Wolf
Inszenierung: Milo Pablo Momm
Kostüme: Sebastian Helminger
Choreografie: Jessica Nupen
Video: Martin Lechner
Licht: Falk Hampel
Chor: Jan-Michael Krüger
Solisten: Johan Hyunbong Choi (Christophe Colomb I), Evmorfia Metaxaki (Isabelle), Merten Schroedter (Erzähler), Daniel Jenz (Teufel/Ein junger Mann) u. a.
Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Kesting
Als Zeitreise durch die Aufführungsgeschichte des «Fidelio» hatte Paul-Georg Dittrich Beethovens Befreiungsdrama 2018 am Theater Bremen auf die Bühne gebracht. Acht historische Inszenierungen ließen der Regisseur und die Bühnenbildnerin Lena Schmid in einem musealen Guckkasten wiederauferstehen. Von der Wiener Uraufführung (1814) spannte sich der Bilderbogen über eine sowjetische...
Achtung: Spoiler-Alarm. So heißt es ja neuerdings, wenn man etwas verrät, was der Leser vielleicht (noch) gar nicht wissen will. Aber Gastregisseur Vasily Barkhatov hat vorab im Programmheft preisgegeben, was seine «Tosca» von anderen unterscheidet: Der Täter ist hier auch Opfer. Und opfert sich bewusst – durch die Tat einer anderen. Verwirrt?
Denkfaulere Spielleiter mögen sich auf diese...
Er war der letzte bedeutende Zeuge einer großen Ära der italienischen Oper und ein vielseitiger Sängerschauspieler der Sonderklasse: der Bariton Rolando Panerai. 1924 in Campo Bisenzio (bei Florenz) geboren, debütierte er nach Studien in Florenz und Mailand 1946 in seinem Heimatort als Enrico in «Lucia di Lammermoor». Erste herausragende Aufgaben fand er beim Italienischen Rundfunk. Dort...
