Mann der Widersprüche
Wolfgang Borchert, der Literat der Stunde, formulierte es so: «Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund.» Borchert war 1921 geboren und traf unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der Zeit; «Trümmerliteratur» hat man das später genannt. «Draußen vor der Tür» heißt sein einziges Schauspiel, und es umreißt ein Lebensgefühl: Draußen lagen die Trümmer von Städten und Existenzen. Drinnen in den Menschen lagen die Trümmer ihrer Hoffnungen und ihrer Orientierung.
Die Vorstellung einer Stunde Null wuchs da schnell zur probaten Denkfigur. Politiker und Künstler nutzen sie gleichermaßen.
Unter den Musikern hat Karlheinz Stockhausen besonders radikale Formulierungen gefunden. «Die Städte sind radiert», schrieb er, «man kann nun von Grund auf neu anfangen, ohne Rücksicht auf Ruinen und ‹geschmacklose› Überreste». Es war die Geburtsstunde der seriellen Avantgarde.
Aus der Rückschau stellt sich die Stunde Null als Fiktion dar. Vielfach ist aufgearbeitet, wie stark personelle Kontinuität Politik und Kulturleben prägten. Die damit verbundenen, häufig subkutanen Wandlungsprozesse erscheinen aufschlussreicher als der elitäre, nur selten radikal ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Stephan Mösch
Drei Jahrzehnte lang hat Pierre Audi die Nationale Opera in Amsterdam geleitet – eine exorbitante Erfolgsgeschichte. Als Regisseur verabschiedete er sich geradezu bescheiden, dazu nicht einmal im Stammhaus, sondern im am Hafen gelegenen kleineren Muziekgebouw aan’t IJ; genau die richtige Spielstätte für Stefano Landis tragicommedia pastorale «La morte d’Orfeo» von...
Glitter und Glamour so weit das Auge reicht: roter Teppich, silberne Vorhänge, schillerndes Licht. Ein Jahrmarktskarussell, das in der Bühnenmitte rotiert, lässt meterlange Glitzerfäden durch die Lüfte wirbeln. An Silberfolie wurde nicht gespart in Tilman Gerschs Inszenierung von Strawinskys «The Rake’s Progress». Der Regisseur lässt die Geschichte vom tragischen...
Noch einmal bauscht der Vorhang zur Seite, und da stehen sie, jubelumbrandet, im Rosenregen: Gwyneth Jones, die erste Feldmarschallin, Brigitte Fassbaender, ihr Octavian, «Otti» Schenk, Jürgen Rose – eine Verbeugung vor dem Strauss-Dreamteam der 1970er-Jahre, eine Huldigung, bevor dieser «Rosenkavalier», Inszenierungsikone, lange von Carlos Kleiber dirigiert und an...
