Kranke Klänge
Die Klage über den Niedergang dramatischer Stimmen ist nicht neu, so wenig wie das Hohe Lied auf die Heroinen und Heroen der Vergangenheit. Eine Birgit Nilsson, ein Jon Vickers und ihresgleichen sind offenbar heute weit und breit nicht in Sicht. Dafür umso mehr Sänger, die – aus eigenem Antrieb oder vom Betrieb gedrängt – Raubbau am eigenen Material treiben. Besonders für «schwere» Verdi-Partien sehen nicht wenige Beobachter schwarz.
Gehören Interpreten für die dramatischen Partien in «Il trovatore», «La forza del destino»,«Aida» und «Otello» zu einer gefährdeten Spezies? Stehen gar große Teile des Kernrepertoires, wie eine empirische Studie nahelegt, auf dem Spiel? Anmerkungen zu einer alarmierenden Situation
Das älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ,
dem unsere Musik allein ihr Dasein verdankt,
ist die menschliche Stimme. (...) Der Genius der Menschenstimme
repräsentiert das menschliche Herz und dessen abgeschlossene,
individuelle Empfindung.
Richard Wagner
Der Tod der Oper ist schon oft beschworen, herbeigeredet und gewünscht worden. Sollte sich das Ende dieser «unmöglichen Kunstform» (Oscar Bie) durch Auszehrung erfüllen – dadurch, dass es schon bald ...
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Opernwelt Jahrbuch 2017
Rubrik: Stimmkrise, Seite 98
von Jürgen Kesting
In der schwarzen Theaterhöhle von Jean Nouvel hat die Zukunft längst begonnen. Vor der Tür steppt die Breakdance-Szene, drinnen findet man das vermutlich jüngste Ballett- und Opernpublikum der Welt. Egal, ob Monteverdi, Strauss und Wagner oder mal wieder ein brandneues Stück läuft. Dass die Opéra de Lyon in der Stadt zwischen Rhône und Saône heute talk of the town...
Zugang zu Musik, zu ihrer Musik, findet sie über Bilder, Metaphern. Allerdings nicht in dem romantischen Sinn, dass Metaphern für etwas stehen – für eine Aktion, Figur oder Stimmung. Es sind keine klaren Bilder, die den Prozess der Klangerfindung steuern. Chaya Czernowin spricht vielmehr von einer Art Infrastruktur, die ihr helfe, tief in unerhörte Sphären,...
Vor drei Jahrzehnten, kurz vor dem Mauerfall und Ende der Nachkriegsordnung in Europa, prägte der Soziologe Ulrich Beck einen Begriff, der bis heute einen Nerv trifft: Risikogesellschaft. In seiner gleichnamigen, 1986 veröffentlichten Studie beschrieb er eine fundamentale Wende im «Projekt der Moderne»: von der Idee stetigen Fortschritts und grenzenlosen Wachstums...
