Gut gesagt ist halb gesungen

Als Rachel in Halévys «La Juive» erlebte Marina Poplavskaya vor fünf Jahren den Durchbruch. Seither ist die Moskauerin regelmäßig Gast an den wichtigsten Opernhäusern der Welt. Ob als Tatjana oder Marguerite, als Elisabetta oder Violetta – penible Textexegese und die Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart der Werke prägen ihr Rollenverständnis. Vor allem als Interpretin des großen italienischen Repertoires hat sie sich profiliert. Jörg Königsdorf traf die Sopranistin nach einer «Traviata»-Aufführung an der Berliner Staatsoper.

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Frau Poplavskaya, in Ihrer Berliner «Traviata» konnte man eine Menge ungewöhnlicher Details hören. Zum Beispiel haben Sie die Zeile «Croce e delizia al cor» im ersten Akt jedes Mal anders gesungen und damit die emotionale Entwicklungskurve Violettas markiert. Machen Sie so etwas spontan?
Ja, ich arbeite auf der Bühne immer spontan. Und ich freue mich, wenn ich dabei solche kleinen Schätze finde.

Dennoch lassen solche Momente vermuten, dass der Text für Sie der Ausgangspunkt bei der Erarbeitung einer Rolle ist.


Ich bin besessen von der Textarbeit, wo auch immer mich das hinführt. Wenn man eine Oper singt, sollte man sich mit der Sprache auseinandersetzen, in der sie geschrieben wurde. Wie wir sprechen und mit der Realität umgehen, prägt unseren Umgang mit der Musik. Fjodor Schaljapin hat einmal gesagt: Ein gut gesagtes Wort ist schon halb gesungen. Wenn ein Satz gut gesagt ist, heißt das doch, dass er Bedeutung und Farbe besitzt. Das ist schon wie Singen. Oder auch wie Poesie – und darum geht es: Poesie zu schaffen, mit den Herzen und Seelen des Publikums zu spielen. Als Darsteller haben wir alle ein mephistophelisches Gen. Nur dass es nicht unsere Aufgabe ist, die Herzen zu brechen, ...

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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Interview, Seite 34
von Jörg Königsdorf

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