Geschändet
Gleich der erste Blick verrät es. Entsetzliches ist geschehen. Wie ein angeschossenes Reh hockt Mélisande, am ganzen Leib zitternd, in der Ecke jenes weiß gekachelten Raumes, dessen kalte Sterilität an das Interieur von Sarah Kanes «Gesäubert» erinnert, in seiner Mischung aus Schlachthaus, Pathologie und – versinnbildlicht durch ein kleines Holzkreuz – christlicher Bigotterie. Ihr weißes Nachthemd ist völlig verdreckt, an den Schenkeln klebt krustiges Blut, das Gesicht eine einzige Wunde.
Als Golaud zu ihr hintritt, ergreift die Jungfrau, die sie nicht mehr ist, jene sphingische Panik, die schon Mallarmés Herodias befiel und Puccinis Turandot. Und eines scheint in diesem Augenblick gewiss: Das Furchtbare, das Mélisande widerfuhr, kennt einen Namen: Vergewaltigung.
Nie je wurde das so drastisch, so schmerzhaft, erschütternd, zugleich so poetisch zwingend auf die Bühne gebracht wie jetzt in Oslo. Dreieinviertel Stunden lang werden wir Zeuge einer Menschenverstümmelung, die nur aushaltbar ist, weil es bis zum Schluss ein Gegenbild gibt: die Utopie einer unschuldigen Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die abseits der Konventionen, abseits der grausamen gesellschaftlichen Realität ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Wie klingt es, wenn jemand zur Salzsäure erstarrt? Wie tönt es, wenn Sodom und Gomorrha in Schutt und Asche gelegt werden? Antworten gibt der italienische Komponist Giorgio Battistelli in seiner neuesten Oper «Lot», die jetzt mit zweijähriger Verspätung in Hannover uraufgeführt wurde.
Dass die erste Frage dann doch offen bleibt, liegt an der Librettistin Jenny...
Heike Hoffmann, seit dieser Saison Leiterin der SWR Schwetzinger Festspiele, interpretiert die Dramaturgie des Festivals auf ihre Weise: Altes und Neues sollen nicht nebeneinander stehen, sondern ineinander verschränkt werden. Der Untertitel von «Tre Volti – Drei Blicke auf Liebe und Krieg» von Annette Schlünz, mit deren Uraufführung das diesjährige Programm...
Verdis «Rigoletto» als Politthriller: Duca, ganz Machtpolitiker heutigen Stils, ist soeben wieder gewählt worden, ein riesiges Plakat hängt noch in seinem Büro. Am liebsten würde er gleich eine Diktatur ausrufen. Rigoletto ist sein Propagandachef. Über der Bühne flimmert die Fernsehshow «Rigoletto’s World», in der er Gegner angreift und lächerlich macht. Der...
