Geschändet
Gleich der erste Blick verrät es. Entsetzliches ist geschehen. Wie ein angeschossenes Reh hockt Mélisande, am ganzen Leib zitternd, in der Ecke jenes weiß gekachelten Raumes, dessen kalte Sterilität an das Interieur von Sarah Kanes «Gesäubert» erinnert, in seiner Mischung aus Schlachthaus, Pathologie und – versinnbildlicht durch ein kleines Holzkreuz – christlicher Bigotterie. Ihr weißes Nachthemd ist völlig verdreckt, an den Schenkeln klebt krustiges Blut, das Gesicht eine einzige Wunde.
Als Golaud zu ihr hintritt, ergreift die Jungfrau, die sie nicht mehr ist, jene sphingische Panik, die schon Mallarmés Herodias befiel und Puccinis Turandot. Und eines scheint in diesem Augenblick gewiss: Das Furchtbare, das Mélisande widerfuhr, kennt einen Namen: Vergewaltigung.
Nie je wurde das so drastisch, so schmerzhaft, erschütternd, zugleich so poetisch zwingend auf die Bühne gebracht wie jetzt in Oslo. Dreieinviertel Stunden lang werden wir Zeuge einer Menschenverstümmelung, die nur aushaltbar ist, weil es bis zum Schluss ein Gegenbild gibt: die Utopie einer unschuldigen Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die abseits der Konventionen, abseits der grausamen gesellschaftlichen Realität ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Wenn, wie in Köln, ein Opernhaus saniert wird und Schlamperei am Bau und endlose Rechtsstreitigkeiten die armen Opernschaffenden dazu zwingen, ewig und drei Tage an (meist ungeeigneten) Ausweichspielstätten zu produzieren, verschieben sich ganz unterschwellig die Maßstäbe für eine gute Aufführung. Dann entscheiden nicht mehr in erster Linie die Brillanz eines...
Er kann nicht fassen, was um ihn herum geschieht. In Anna Viebrocks plastikmöbliertem, viel zu großem Vergnügungszelt. In Christoph Marthalers drückend geschäftiger Verlierergesellschaft, die nun wieder auf der Riesenbühne der Bastille Schicksal spielt. Zum ersten Mal seit 2008, als Gerard Mortier, damals noch Intendant der Pariser Opéra, diesen «Wozzeck» auf den...
Am Ende steuert alles auf den Gesamtkunstwerker zu. Naturgemäß, könnte man bei diesem Autor sagen: Auf dem weiten Feld der Wagner-Rezeption gehört Udo Bermbach zu den aktivsten Analytikern. «Wagneriana / Bayreuthiana» bildet das große Finale seines neuen Buchs. Es versammelt Reden, Programmheftbeiträge und andere Essays aus den Jahren 1999 bis 2016, die meisten...
