Geschändet

Barbora Horáková Joly zeigt Debussys «Pelléas et Mélisande» in Oslo als beklemmende Studie sexueller Erniedrigung, Karl-Heinz Steffens offenbart die expressionistische Energie der Partitur

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Gleich der erste Blick verrät es. Entsetzliches ist geschehen. Wie ein angeschossenes Reh hockt Mélisande, am ganzen Leib zitternd, in der Ecke jenes weiß gekachelten Raumes, dessen kalte Sterilität an das Interieur von Sarah Kanes «Gesäubert» erinnert, in seiner Mischung aus Schlachthaus, Pathologie und – versinnbildlicht durch ein kleines Holzkreuz – christlicher Bigotterie. Ihr weißes Nachthemd ist völlig verdreckt, an den Schenkeln klebt krustiges Blut, das Gesicht eine einzige Wunde.

Als Golaud zu ihr hintritt, ergreift die Jungfrau, die sie nicht mehr ist, jene sphingische Panik, die schon Mallarmés Herodias befiel und Puccinis Turandot. Und eines scheint in diesem Augenblick gewiss: Das Furchtbare, das Mélisande widerfuhr, kennt einen Namen: Vergewaltigung.

Nie je wurde das so drastisch, so schmerzhaft, erschütternd, zugleich so poetisch zwingend auf die Bühne gebracht wie jetzt in Oslo. Dreieinviertel Stunden lang werden wir Zeuge einer Menschenverstümmelung, die nur aushaltbar ist, weil es bis zum Schluss ein Gegenbild gibt: die Utopie einer unschuldigen Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die abseits der Konventionen, abseits der grausamen gesellschaftlichen Realität ...

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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten

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