Einfach verführerisch

Maxim Emelyanychev, Il pomo d’oro und exzellente Solisten veredeln Händels frühes Meisterwerk «Agrippina»

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Sie ist ein Biest, wie es in manchem Buche steht. Herrschsüchtig, durchtrieben, hinterlistig – und karrieregeil, würde man wohl heute sagen. Ein durch und durch schlechter Charakter, doch irgendwann erwischt es jeden. Auch Julia Agrippina, vierte Ehefrau des römischen Kaisers Claudius, Schwester Caligulas und Mutter Neros, wird eines Tages von ihrem Gewissen befragt. Und das ist angesichts der Verfehlungen dieser Frau wirklich kein Spaß.


Georg Friedrich Händel wusste dies, als er die Arie «Pensieri, voi mi tormentate» komponierte und sie der Titelfigur (präziser: der Primadonna assoluta Margherita Durastanti) seines  höchstwahrscheinlich auf ein Libretto von Vincenzo Grimani komponierten und am 26. Dezember 1709 in Venedigs Teatro Grimani (!) di S. Giovanni Cristostomo uraufgeführten Musikdramas auf die Stimmbänder legte. Ein gedehntes Lamento, das der Singstimme eine Oboe zur Seite gesellt, gleichsam als Echo der inneren Stimme. Händel zeichnet hier das Porträt einer vollends zerrissenen Frau: Dem langgezogenen Ton zu Beginn, der klingt wie ein schier unendlicher Seufzer, folgen, als Ausdruck der inneren Qualen, zerhackte Kantilenen, furiose Ausbrüche einer aufrührerischen ...

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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 31
von Jürgen Otten

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