Einfach verführerisch
Sie ist ein Biest, wie es in manchem Buche steht. Herrschsüchtig, durchtrieben, hinterlistig – und karrieregeil, würde man wohl heute sagen. Ein durch und durch schlechter Charakter, doch irgendwann erwischt es jeden. Auch Julia Agrippina, vierte Ehefrau des römischen Kaisers Claudius, Schwester Caligulas und Mutter Neros, wird eines Tages von ihrem Gewissen befragt. Und das ist angesichts der Verfehlungen dieser Frau wirklich kein Spaß.
Georg Friedrich Händel wusste dies, als er die Arie «Pensieri, voi mi tormentate» komponierte und sie der Titelfigur (präziser: der Primadonna assoluta Margherita Durastanti) seines höchstwahrscheinlich auf ein Libretto von Vincenzo Grimani komponierten und am 26. Dezember 1709 in Venedigs Teatro Grimani (!) di S. Giovanni Cristostomo uraufgeführten Musikdramas auf die Stimmbänder legte. Ein gedehntes Lamento, das der Singstimme eine Oboe zur Seite gesellt, gleichsam als Echo der inneren Stimme. Händel zeichnet hier das Porträt einer vollends zerrissenen Frau: Dem langgezogenen Ton zu Beginn, der klingt wie ein schier unendlicher Seufzer, folgen, als Ausdruck der inneren Qualen, zerhackte Kantilenen, furiose Ausbrüche einer aufrührerischen ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 31
von Jürgen Otten
Ende Januar bezog die Freie Volksbühne Frankfurt am Main im Großen Hirschgraben ein festes Quartier. Und zur Eröffnung gab es eine neue Version von Heinrich Hoffmanns «Struwwelpeter» – Theater für Kinder mit ihren Erwachsenen, dazu drastische, teils ironische, teils makabre Musik von Uwe Dierksen, Christian Hommel und Hermann Kretschmar, alle Mitglieder des...
Einen «Blödsinn sondergleichen» hat Marcel Reich-Ranicki «Die Räuber» einmal genannt – und doch bekannt, dass er Friedrich Schillers Dramenerstling, diese «Explosion der Jugend», liebe. Das Problem der selten gespielten Oper, die Giuseppe Verdi und sein Librettist Andrea Maffei im Jahr 1847 daraus gemacht haben, ist, dass sie die, mit Reich-Ranicki, «ungeheuerliche...
Wenn in diesen Tagen die Premiere von Philip Glass’ «Les Enfants terribles» im Moskauer Kindermusiktheater Natalia Saz angekündigt wird, verwundert das niemanden mehr. Seit 2010, dem Beginn der Intendanz von Georgij Isaakjan, der zuvor fast 20 Jahre Künstlerischer Leiter der Oper in Perm war, hat sich das «Saz» in ein Haus verwandelt, das einen wohltuend...
