Director's Cut
Wie alle wahren Genies ist Mozart immer auch Kind geblieben. Die Tiefe und Überfülle seiner Kunst hat viel damit zu tun, dass er das Staunen nie verlernt hat. Ein Staunen, das nicht urteilt, sondern verstehen will. Die Welt. Sonne, Mond und Sterne. Vor allem aber den Menschen, das rätselhafteste, faszinierendste Wesen der Schöpfung. Wer sind wir? Wo stehen wir? Was treibt uns an? Was ist Liebe? Was bedeutet der Tod? Mozart fragt sich das ganz naiv, immer wieder neu. Ein beängstigend wacher, intuitiv verständiger Beobachter, der mitten aus dem Leben heraus das Leben zu begreifen sucht.
Seine unfassbare Widersprüchlichkeit und Vielfalt. In Mozarts Musik gibt es nichts Eindeutiges, kein Schwarz oder Weiß. Nur Farben, in allen Mischungen und Tönen. Seinen Opernfiguren fehlt alles Schablonenhafte, Konstruierte – selbst wenn sie aus dem Typenkatalog der Seria oder Commedia dell’Arte stammen. Herz und Verstand, Gefühl und Geist durchdringen sich, das eine ist undenkbar ohne das andere. In jedem Lachen rinnt eine Träne. Wohl keiner hat die Paradoxien der menschlichen Existenz so klar gesehen und umfassender, ungeschönter, schöner in Klänge gefasst als Mozart.
Deshalb spricht er uns noch ...
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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Vor ein paar Jahren fiel Marie-Nicole Lemieux in Glyndebourne auf, als sie die Mistress Quickly in Richard Jones’ Nachkriegs-England-Version von Verdis Falstaff zur umwerfenden Charakterstudie einer ältlichen Lehrerin und Pfadfinderführerin umformte. Doch die junge Kanadierin ist in vielen Stilen und Kostümen zu Hause, was sie mit ihrem Recital mit Arien und Szenen...
Prima la musica, poi le parole? Das Verhältnis von Musik und Sprache hat schon Antonio Salieri auf der Bühne behandelt – in seinem gleichnamigen Divertimento, das 1786, gleichsam als dramaturgisches Statement zur damals virulenten Singspiel-Debatte, mit Mozarts Schauspieldirektor in der Orangerie von Schloss Schönbrunn uraufgeführt wurde. Richard Strauss gönnte...
Es nahm sich aus wie ein besonders pointierter Regieeinfall und war doch nur dem Leben und seiner manchmal bitteren Realität geschuldet: eine Emilia Marty im Rollstuhl. Die alternde, mehr als 300-jährige Sängerin auf der Jagd nach dem Rezept für die ewige Jugend, gezeichnet als morbide, vom Verfall bedrohte Frau. Aber des Rätsels prosaische Lösung zeigt andere...
