Dmitri Tcherniakov; Foto: Festival Aix en Provence
Die Kunst des Erzählens
Politik war seine Sache nie – reale Politik. Lässt man seine Regiearbeiten Revue passieren, wird freilich evident, dass Dmitri Tcherniakov das Politische als Phänomen durchaus affiziert – man denke nur an den Medienzirkus in seiner nachgerade erschütternd hellsichtigen Berliner «Zarenbraut» (2013) oder an die zerrüttete Autokratie in der Amsterdamer «Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch» (2012). Tcherniakov interessiert weniger das politische Gefüge an sich als das in ihr gefangene Individuum. Seine Inszenierungen erzählen vom Menschen.
Was uns für sie einnimmt, sind die Tiefe, das Mitgefühl, die Differenziertheit seiner Einsichten.
Nirgends wird das deutlicher als in seiner «Carmen» beim diesjährigen Festival in Aix-en-Provence. Während zahlreiche andere Produktionen überlebte Frauenmodelle zementieren, stellt Tcherniakov Bizets Opéra comique auf den Kopf: Er untersucht die Perspektive Don Josés, taucht ein in die Dynamik der Männergesellschaft, spürt lauernden Gewaltpotenzialen nach. Neue Dialoge helfen dem Regisseur, sein Konzept zu vermitteln: In dieser «Carmen» – sie spielt in einem Hochglanzfoyer – wird Paartherapie betrieben. Ein experimenteller Behandlungsansatz ...
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Opernwelt Jahrbuch 2017
Rubrik: Bilanz, Seite 114
von Shirley Apthorp
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