Der Weg ins Freie
Nach 66 Minuten fängt das Leben an. Das Leben in Freiheit, als lange schon gehegter Wille und Wunsch. Eine Tür wird zur Seite geschoben, Luft (von anderen Planeten?) strömt herein, nur eine Jalousie versperrt noch den Weg ins Licht. Doch just in diesem Augenblick endet alles: die Musik, die Worte und Stimmen, der Gesang, die Bewegung. Und plötzlich wirkt die Große Ausstellungshalle in der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg seltsam unbelebt, wirken auch die Protagonisten dieser Aufführung seltsam erstarrt.
So als sei die Möglichkeit von Freiheit gleichbedeutend mit totaler Ungewissheit.
Beethovens «Fidelio» war da entschiedener, eindeutiger, der C-Dur-Jubel am Ende buchstäblich entfesselter. Doch es war klar, dass ein Musiktheater, das sich zum 250. Geburtstag des Meisters mit seiner einzigen Oper beschäftigt, dies nicht eins zu eins abbilden würde. Schon der Titel deutet Distanzierung durch Befragung an: «Wir sind so frei #1» will, als Auftakt zu einer Trilogie der Kompagnie Novoflot, Echo zu Beethovens Freiheitsoper sein, Übermalung, Kommentar und nicht zuletzt auch ironischer Beitrag zur Festkultur.
Allein der Stelen-Archipel aus monadischen akustischen Quellen, den ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Jürgen Otten
Der Dirigent Carlo Maria Giulini beklagte einmal, dass im «Mutterland der Musik» diese traditionell weitgehend identisch mit Oper («melodramma») sei, Sinfonik, Kammermusik hingegen weniger gälten. Die beiden wichtigsten Komponisten der Nachkriegszeit, Luigi Nono und Luciano Berio, gingen ebenfalls auf Distanz zur Singbühne, aber auch zu den etablierten «absoluten»...
Die Alten, für die Pest und Cholera, Krieg und Typhus zum Alltag gehörten, kannten das Kunstgewerbe der Negativität noch nicht. Sie waren sich ihres Lebens nicht sicher genug, um sich mit schlechten Aussichten interessant zu machen. Weil die Bedrohung des Lebens so real war, gab es eine Pflicht zum lieto fine, zum heiteren Ende. Denn aller Pessimismus ist viel...
Für ungewöhnliche Projekte war The Industry schon immer gut. Mit «Sweet Land» ist der freien Operntruppe in Los Angeles nun der nächste große Wurf gelungen – eine faszinierende Performance über die Kolonisierung der Ureinwohner Nordamerikas. Als Bühne diente die Natur: der in Sichtweite des Zentrums gelegene State Historic Park. Während die «Handlung» unter freiem...
