Der Weg ins Freie

Überschreibungen der Berliner Künstlerkollektive Novoflot und Menade zeigen das moderne Subjekt auf seiner Suche nach Selbstbestimmtheit

Nach 66 Minuten fängt das Leben an. Das Leben in Freiheit, als lange schon gehegter Wille und Wunsch. Eine Tür wird zur Seite geschoben, Luft (von anderen Planeten?) strömt herein, nur eine Jalousie versperrt noch den Weg ins Licht. Doch just in diesem Augenblick endet alles: die Musik, die Worte und Stimmen, der Gesang, die Bewegung. Und plötzlich wirkt die Große Ausstellungshalle in der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg seltsam unbelebt, wirken auch die Protagonisten dieser Aufführung seltsam erstarrt.

So als sei die Möglichkeit von Freiheit gleichbedeutend mit totaler Ungewissheit.

Beethovens «Fidelio» war da entschiedener, eindeutiger, der C-Dur-Jubel am Ende buchstäblich entfesselter. Doch es war klar, dass ein Musiktheater, das sich zum 250. Geburtstag des Meisters mit seiner einzigen Oper beschäftigt, dies nicht eins zu eins abbilden würde. Schon der Titel deutet Distanzierung durch Befragung an: «Wir sind so frei #1» will, als Auftakt zu einer Trilogie der Kompagnie Novoflot, Echo zu Beethovens Freiheitsoper sein, Übermalung, Kommentar und nicht zuletzt auch ironischer Beitrag zur Festkultur.

Allein der Stelen-Archipel aus monadischen akustischen Quellen, den ...

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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Magazin, Seite 60
von Jürgen Otten