Blutspur der Zivilisation
Der Mord ist sorgsam vorbereitet. Kein Hörspiel könnte das besser, subtiler, spannender hinkriegen. Zuerst führt der Mörder sein Opfer in die allerschönste Natur. Dort singt er es – im Schatten von Myrthen – in den Schlaf. Die Arie, mit der das geschieht, ist Teil einer infamen Taktik, aber sie streichelt unser Ohr mit größter Zärtlichkeit. Der Text spricht von einem murmelnden Bächlein und sich sanft kräuselnden Wellen. Alessandro Scarlatti hat dazu eine hintersinnig aufgeladene Entspannungsmusik geschrieben. Gleichmäßig wiegende Koloraturen malen idyllischen Frieden.
Doch das Wort «mormora» (murmeln), das sich auf ein Bächlein bezieht, wird so nachdrücklich wiederholt, dass der Wortstamm ganz andere semantische Schichten nahelegt: «morire» zum Beispiel, oder «morta». Der Mordgedanke ist einkomponiert – diskret, aber unüberhörbar. Soll noch einmal jemand sagen, musikalische Affekte des Barock seien eine eindeutige Sache, oder das Unterbewusstsein eine Entdeckung der anbrechenden Moderne. Mit der nächsten Musiknummer setzt Scarlatti noch eins drauf. Das scheinbar ahnungslose Opfer greift den Natur-Singsang auf und haucht – kurz vor dem Wegdämmern, in langgezogenem Pianissimo – ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
JUBILARE
Roberta Alexander stammt aus Virginia und wuchs in einer Musikerfamilie auf. 1969 begann sie ihr Studium an der University of Michigan in Ann Arbor. Im Alter von 23 Jahren setzte sie ihre Ausbildung bei Herman Woltman am Königlichen Konservatorium in Den Haag fort. Die Sopranistin debütierte 1975 an der Niederländischen Oper in Rossinis farsa comica «La...
Portugiesische Oper – das ist eine noch relativ junge Geschichte. Zwar wurden bereits im 18. Jahrhundert an den Höfen Portugals zahlreiche neue Stücke komponiert und aufgeführt, doch blieben diese Werke in der Regel italienischen Mustern verhaftet. Noch im 19. Jahrhundert war es beinahe aussichtslos, ein Libretto in der Landessprache durchzusetzen. Und selbst nach...
Alban Berg würde sich wundern. Und vielleicht sogar zustimmen. Denn was Detlef Heusinger aus dem fragmentarisch überlieferten Material des dritten «Lulu»-Aktes gemacht hat, ist – wie die jetzt am Bremer Theater erfolgte Uraufführung dieser Fassung zeigte – eine höchst beachtenswerte, ebenso fantasievolle wie punktgenau durchdachte Alternative zu Friedrich Cerhas...
