Blutspur der Zivilisation
Der Mord ist sorgsam vorbereitet. Kein Hörspiel könnte das besser, subtiler, spannender hinkriegen. Zuerst führt der Mörder sein Opfer in die allerschönste Natur. Dort singt er es – im Schatten von Myrthen – in den Schlaf. Die Arie, mit der das geschieht, ist Teil einer infamen Taktik, aber sie streichelt unser Ohr mit größter Zärtlichkeit. Der Text spricht von einem murmelnden Bächlein und sich sanft kräuselnden Wellen. Alessandro Scarlatti hat dazu eine hintersinnig aufgeladene Entspannungsmusik geschrieben. Gleichmäßig wiegende Koloraturen malen idyllischen Frieden.
Doch das Wort «mormora» (murmeln), das sich auf ein Bächlein bezieht, wird so nachdrücklich wiederholt, dass der Wortstamm ganz andere semantische Schichten nahelegt: «morire» zum Beispiel, oder «morta». Der Mordgedanke ist einkomponiert – diskret, aber unüberhörbar. Soll noch einmal jemand sagen, musikalische Affekte des Barock seien eine eindeutige Sache, oder das Unterbewusstsein eine Entdeckung der anbrechenden Moderne. Mit der nächsten Musiknummer setzt Scarlatti noch eins drauf. Das scheinbar ahnungslose Opfer greift den Natur-Singsang auf und haucht – kurz vor dem Wegdämmern, in langgezogenem Pianissimo – ...
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Opernwelt März 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
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