Bissiger Charme

Das Ensemble Modern widmet sich mit HK Gruber einmal mehr dem europäischen Kurt Weill

Opernwelt - Logo

Wenn das Ensemble Modern sich Kurt Weill zuwendet, ist der komponierende Dirigent und Chansonnier HK Gruber nicht weit. Unvergessen bleibt seine rotzig-schrille Einspielung der «Dreigroschenoper», mit einer rockröhrenden Nina Hagen als Mrs. Peachum, einem schmierig säuselnden Max Raabe als Macheath und Gruber himself in der Rolle des Peachum. Zwei Jahrzehnte sind verstrichen, seit diese CD mit ätzender Chuzpe alle Unkenrufe Lügen strafte, dass die Zeit für die antikapitalistische Leviten-Leserei des armen B.B. abgelaufen, der Spottwert des Stücks unrettbar weggerostet sei.

Bissig, lust- und schwungvoll, dabei stets reflektiert wurde da der größte Erfolg des Teams Brecht/Weill aus dem Jahr 1928 in die alternativlos markthörige Gegenwart der wiedervereinten Republik geholt.

Zum 40-jährigen Gründungsjubiläum des selbstverwalteten Klangkörpers haben uns die Musiker nun erneut ein Weill-Programm beschert, das mit einer luftig-federnden, durchweg zündenden Wiedergabe der «Kleinen Dreigroschenmusik für Blasorchester» (1928) an die frühe Liebe zu Mackie Messer & Co. anknüpft. Das Hauptwerk der neuen Einspielung ist das 1927 in Baden-Baden uraufgeführte «Mahagonny Songspiel» – jenes ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Einfallslos

In der Oper ist er Normalfall: der psychische Aggregatzustand des Außer-sich-Seins. Und eine gewisse Erregung sogar eigentlich die Grundvoraussetzung für Expression durch hochtourigen Gesang. Besonders im 19. Jahrhundert trieb diese Einsicht giftige Blüten; auffällig oft verfallen in den Opern dieser Zeit Frauen dem Wahnsinn. Gaetano Donizettis «Lucia di...

Outsider von heute

An «La Bohème» führt kein Weg vorbei; Puccinis Oper muss man einfach lieben. Ein Rührstück, gewiss, aber eines, dessen emotionale Kraft auch heute noch ungebrochen ausstrahlt. Im Theater Basel wird es unterstrichen durch das Sinfonieorchester der Stadt, das unter der Leitung der neuen Basler Musikdirektorin Kristiina Poska seine Funktion voll ausspielt – in...

Kritischer Realismus

Kaum ein anderes großes Land war kulturell so zerklüftet, dezentralisiert wie Deutschland, die «verspätete Nation» (Helmuth Plessner). Es gab keine dominierende Hauptstadt wie die «Wasserköpfe» Paris und London. Hinzu kamen die Kleinstaaterei und die selbstbewussten freien Reichsstädte. Zudem spaltete die Reformation das Land in Katholiken und Protestanten....