Bieito, der Biedermann
Auf Bildern ist Marisol Montalvo eine perfekte Lulu. Im Programmheft findet man die dunkelhäutige Schönheit: schlank, unbezähmbar, mit wild funkelnden Augen und irrem Lachen, überwältigt von Lust, ganz hingegeben an den Moment, kindlich und doch höchst gefährlich. Und denkt: Wer sonst als sie sollte die Lulu singen, dieses mythische Frauenwesen, diese Projektionsfläche für männliche Fantasien, dieses «schöne, wilde Tier», das Liebhaber scharenweise um den Verstand bringt und ins Verderben stürzt?
Die Realität auf der Baseler Bühne ist dann ernüchternd.
Gehemmt agiert Montalvo, vorsichtig, mit angezogener Handbremse, als traue sie der Rolle nicht, als hätte sie sie nicht schon oft in Berlin, Paris und anderswo gesungen. Eine Lulu muss an die Grenzen gehen, darf nicht durch des Gedankens Blässe angekränkelt sein. Montalvo aber ist eine Zweiflerin, und so klingt auch ihre Stimme, die allzu oft – etwa im «Lied der Lulu» – glanzlos ist, dünn und dazu weniger textverständlich. Das Sinfonieorchester Basel unter Gabriel Feltz bietet mit seinem langsamen, wattierten Spiel keinen Ankerpunkt.
Haushohe Poster der splitternackten Marisol Montalvo dekorieren das erste Bild. Regisseur Calixto ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ein Symbol Berlins? Na klar, das Brandenburger Tor. Die Opernhäuser jedenfalls sind es nicht. Haben sie eine Chance, es jemals zu werden? Wie könnten sie dahin kommen? «Zwischen Aufbruch und Ärgernis» hieß ein Diskussionsabend am 16. Februar, zu dem «Opernwelt» gemeinsam mit der Stiftung Zukunft Berlin und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingeladen...
In den achtziger Jahren begann das italienische Label Nuova Era den auf dem Opernsektor etwas festgefahrenen Schallplattenmarkt durch Ausgrabungen oft entlegener Werke vor allem aus der Ära des Belcanto aufzumischen. Der Reiz der Neuheit musste bei diesen Publikationen oft beträchtliche klangtechnische und auch künstlerische Defizite aufwiegen. Sobald der...
Mit ihrem Rosenkavalier werde die Musikwelt «stimmlich und darstellerisch auch in besonderen Fällen rechnen können», prophezeite die Grazer «Tagespost» am 9. November 1949 nach dem sensationellen Debüt der erst 25-jährigen Hertha Töpper im dortigen Opernhaus. Und in der Tat: Der Octavian wurde die zentrale, wurde die Schicksalspartie in der Karriere der...
