Magisch versponnen
Erst ragt ein Fuß aus dem schrägen Kaminrohr. Dann ein Bein. Schließlich rutscht ein ganzer Kerl heraus. Landet auf einer leeren, blaustrahlenden Bühne. Splitternackt, die Haut kreidefahl. Ein Luftwesen, das keinen festen Boden kennt. Schon gar nicht den Zweck der roten Märchenkaterstiefel, die an der Rampe stehen. Die Ordnung der Dinge, die Logik der Welt ist Perelà so fremd wie die gerade vorbeischlurfende Alte. Ein Kuriosum wie der Körper, in den er soeben gefahren ist. Tastend, stockend, tänzelnd, mit großer Anmut spielt der Tenor Peter Tantsits diese «Geburt».
Tritt fassen muss am Anfang auch das groß besetzte Philharmonische Orchester des Mainzer Staatstheaters: Aus einer einzigen Motivzelle treiben die Musiker unter GMD Hermann Bäumer schwebende Klanggespinste, fluoreszierende Tonwolken, krachende Sound-Gewitter, die das Geschehen bis zu den letzten Flötenseufzern begleiten. Die aufziehen, wirbeln und verwehen wie der ephemere «Held» der vor zwölf Jahren uraufgeführten vierten Oper des französischen Komponisten Pascal Dusapin (Ende März bringt La Monnaie in Brüssel sein jüngstes Bühnenwerk heraus: «Penthesilea»). Nach Vorstellungen in Paris (siehe OW 4/2003) und Montpellier, ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Albrecht Thiemann
Iphigénie ist von Alpträumen gepeinigt: Die berühmte Gewitterszene am Beginn von Glucks Oper ist nicht zuletzt Allegorie für die Last ihrer blutigen Familiengeschichte. In Lukas Hemlebs Deutung zeigt der Frauenchor, der Iphigénies Auftritt im Wüten der Elemente begleitet, eine irritierende Nähe zu Erinnyen: Alle Choristinnen sind schwarz gewandet, ihre Gesichter...
Wälder, Felder, Schlösser, Burgen, ein Bus Richtung «Buchenwald»: Mit der Ouvertüre zu Verdis «I masnadieri» nach Schillers Erstlingsdrama «Die Räuber» hebt eine sentimental-ironische Dia-Show thüringischer Heimatbilder an. Zum elegischen Cello-Solo, über eine verschneite Feldlandschaft projiziert, folgt sodann die Prämisse des Weimarer Theaterabends: Man habe...
War da was? Die Furie des Verschwindens, diesmal im Auftrag des Kobolds Postmoderne, hat die einst so mächtig scheinenden Phänomene der um den Serialismus kreisenden musikalischen Avantgarde verdeckt, verschüttet, ja nahezu schon die Erinnerung daran gelöscht. Wem bedeuten Schnitte ins Opernbewusstsein wie Henri Pousseurs «Votre Faust» (Piccola Scala Mailand 1969)...
