Aus der Tiefe in die Höhe

Die neue Konzerthalle in Andermatt

Bühnentechnische Rundschau

Seit Mitte Juni hat das ca. 1300 Einwohner zählende Bergdorf Andermatt einen modernen Konzertsaal. Das angrenzende Hotel sollte anfangs durch einen Tagungsraum ergänzt werden, die Architektin hat den versenkten Rohbau im Schuhschachtel‑format leicht angehoben, nun sind Saalaus- und -einblicke möglich. Das akustische Konzept arbeitet vor allem mit natürlichem Raumklang, bietet aber für eine erweiterte Nutzung auch ein Nachhallsystem.

 

Das Alpendorf Andermatt im Schweizer Kanton Uri, etwa hundert Kilometer südlich von Zürich gelegen, hat seit dem Bau des Gotthard-Tunnels eine Periode des Niedergangs erlebt. Und es dürfte der einzige Ort in der Welt sein, in dem es einen Weltklasse-Konzertsaal gibt, der fast halb so viele Sitze hat wie der kleine Ort Einwohner. Möglich wird dieses Missverhältnis durch die massiven Investitionen einer Immobilien-Firma namens Orascom, die in dem Ort in einer konzertierten Aktion mehrere neue Groß-Hotels, Ferienhäuser und „Chalets“ baut. Die neue Konzerthalle von Andermatt ist Teil dieser ehrgeizigen Entwicklung, die der ägyptische Immobilienentwickler Samih Sawiris mit seinem Konzern finanziert. 

Die Entwicklung von Andermatt war seit dem Ende des Kalten Krieges rückläufig. Das Schweizer Bundesheer hatte dort einen Stützpunkt, der jedoch im Jahr 2005 aufgelöst wurde. Es lebten zeitweise nur noch weniger als tausend Menschen im Dorf. Als Sawiris erfuhr, dass er das Riesen-Grundstück des Militärs günstig bekommen kann, beschloss er, das größte Skigebiet der Zentralschweiz aus dem Boden zu stampfen. „Ich glaube, dass Kultur ein wichtiger Bestandteil eines attraktiven Reiseziels ist.“ Seine Leidenschaft für klassische Musik hat er als Student in Berlin entwickelt, wo er die Berliner Philharmoniker spielen hörte. 

Sawiris hat das Architekturbüro Studio Seilern Architects beauftragt, aus einem bestehenden unterirdischen Konferenzraum neben einem seiner neuen Hotels eine repräsentative Konzerthalle mit guter Akustik zu bauen. Das Büro Seilern Architects wurde von Christina Seilern, Wahl-Londonerin mit Schweizer Wurzeln, 2006 gegründet, nachdem sie zuvor für Rafael Viñoly Projekte wie das umstrittene „20 Fenchurch“-Building in London als Projektleiterin verantwortet hatte. Es ist als „Walkie-Talkie“ bekannt. Die Gründerin hat unter eigenem Namen schon mehrere Konzert- und Veranstaltungshallen entworfen und hatte gute Referenzen bei diesem Bautypus. 

Mit der Hochkultur ins Skigebiet

Die neue Konzerthalle in Andermatt, die im Juni eröffnet wurde, ist der erste eigens errichtete Musiksaal in einem alpinen Ski-Resort. Die schwierige Aufgabe, aus einem vorgegebenen Raum einen Konzertsaal zu bauen, ist der Architektin weitgehend gelungen. Seilern hat den bestehenden, unter Tage liegenden schnöden Beton-Kasten wie ein Coupé aufschneiden und ein großes auskragendes Stahldach darüber bauen lassen – um mehr Platz, Luft, Volumen und Klangraum zu bekommen. Das Anheben des Dachs verdoppelte das akustische Volumen auf 5340 Kubikmeter Raum. Die Kapazität des Raums (Fläche 2072 m²) hat sie damit erhöht, sodass heute – je nach Bestuhlung – bis zu 663 Sitzplätze hineinpassen. 

Eine elegant gekrümmte Glasfassade unter dem neuen Dach erlaubt die natürliche Belichtung der Konzerthalle und schafft interessante visuelle Bezüge: Passanten können – sogar während einer Vorführung – in den Konzertsaal heruntersehen und Zuhörer umgekehrt hinaus und hinauf. Je nach Sitzplatz schweift der Blick entweder auf die benachbarte Hotelfassade oder bis in das Alpenpanorama. Diese Aussicht auf ein Alpen-Tal ist spektakulär, der Einblick ebenfalls: Denn die Architektin hat geschickt helle, hölzerne Akustikpaneele als Verkleidungen auf die Wände der Betonkiste aufbringen lassen, um eine warme, angenehme Atmosphäre zu schaffen, aber natürlich noch vielmehr, um eine gute akustische Situation zu schaffen. 

Origami aus Holz für die Akustik

Die Paneele haben dreieckige Formen und sind perforiert. Zusammen mit den schrägen Brüstungen des ersten Rangs und der skulptural gestalteten Holzdecke ergeben sie eine überraschend gute Akustik. Die parallele Geometrie des Raums war unter akustischen Gesichtspunkten ungünstig, weswegen Seiler ein raffiniertes origamihaftes Faltwerk aus perforierten Holzpaneelen aus Eichenholz an den Wänden, Decken und Balkonbrüstungen in den Saal implantiert hat. Das neue coupéartige Dach hilft oben auf dem Trottoir dabei, städtebaulich klarer einen Platz zu formulieren und den Eingang zum Konzertsaal zu markieren. Ein Treppenhaus verbindet die Halle zwar direkt mit dem benachbarten Hotel, aber man muss diesen Weg nicht nutzen und hat auch als Alternative direkt vom Gehweg aus Zugang. 

Drei hängende akustische Reflektoren, die Seilern selbst entworfen hat, können den Raumklang zusätzlich verändern. Sie wirken wie weiße Wolken oder amöbenhafte Zellen. Die amorphen akustischen Reflektoren hängen normalerweise über der Bühne, etwa auf Höhe des neu eingefügten Mezzanin-Geschosses mit dem ersten Rang, sind aber mittels dezent gestalteter Stahlseile in der Höhe verstellbar. Trotz der neuen Höhe von zwölf Metern wirkt der Raum der Halle recht intim und Besucher sind den Musikern ungewöhnlich nah. Das Wort „Gemütlichkeit“ mag spießig klingen und für einen Konzertsaal ungewöhnlich, aber hier passt es.  

Die Bergwelt inspiriert

Bei kleineren Veranstaltungen sind mehrere Sitzreihen unter dem Hauptbalkon versenkbar. Das macht die Nutzung des Saals flexibler. Es gibt auch keine fest installierte Bühne. Schließlich soll der Saal für Orchestervorstellungen ebenso wie für Rockkonzerte oder Kongresse nutzbar sein. Zur Einweihung der neuen Halle in Andermatt spielten die Berliner Philharmoniker in großer Besetzung, aber Orchester-Nutzungen dürften die Ausnahme bleiben. Besonders für Kammermusik und Solokonzerte eignet sich die neue Konzerthalle in Andermatt. Der untere Teil des Raums kann auch für stehende Zuschauer, Bankette oder Ausstellungen genutzt werden. Da die Bühne keinen eigenen Zugang hat, wird das Foyer zu einem „Crossover-Raum“ für den Zugang zum Orchester während der Aufführungen. Das klingt zwar nach einer sozialen Raumkonstellation, kann im Detail aber bei bestimmten Veranstaltungen auch nachteilig sein. 

Im Foyer nimmt die Architektin das Motiv der gefalteten Wand noch einmal mit golden reflektierenden, opaken Glasplatten auf und schafft einen von dem benachbarten Hotel unabhängigen Zugang. Das Foyer mit seinen schrägen Wänden aus facettiertem, reflektierendem Glas ist von den Oberflächen der Gletscher inspiriert. Bei großen Konzerten stößt das Foyer an seine räumlichen Grenzen und kann – auch weil es kein Tageslicht hat – gedrungen und eng wirken.

Das 45-köpfige Berliner Weltklasse-Orchester unter dem griechischen Dirigenten Constantinos Carydis spielte zur Eröffnung zwei Mozart-Symphonien und ein mitreißendes Stück von Dimitri Schostakovich – so unterschiedlich, wie die Kompositionen auch waren, alles klang superb. Der Raumklang in der neuen Konzerthalle in Andermatt wirkt warm und klar; das ist nicht zuletzt das Verdienst der Architektin und ihrer Akustik-Berater von Kahle Acoustic aus Antwerpen. Dabei muss es für Seilern anfangs wie eine unlösbare Aufgabe geklungen haben, aus einer fensterlosen, unterirdischen Betonkiste eine strahlend-attraktive Konzerthalle zu machen, in der eines Tages selbst die Berliner Philharmoniker spielen werden. Trotz dieser Ausgangslage – und extremem Zeitdruck – hat die Architektin den Auftrag angenommen und zum Erfolg geführt. 

Der im Grundriss symmetrische Raum hat asymmetrische Seitenbalkone. Diese Konfiguration wurde mit den Experten von Kahle Acoustics entwickelt, denn parallele Wände gelten als akustisch ungünstig. Eine frühe -Reflexion des Nachhalls soll Sprachverständlichkeit, musikalische Klarheit, Präsenz und das Gefühl vermitteln, von der Musik umhüllt zu sein. Die Architektin Seilern spricht von einer „Innentopografie des Saals“, die den Klang von der Bühne zu jedem Teil des Publikums reflektiert.

Natürliche Raumakustik als Basis

Das akustische Konzept für den neuen Konzertsaal beruht vollständig auf einer natürlichen Raumakustik – das heißt die „frühe“ Saalantwort (frühe Reflexionen sowohl für die Musiker als auch für das Publikum) wird durch raumakustische Reflexionen erzeugt, die auch entsprechend optimiert wurden.

Die manuell konfigurierbare Bühne wird im Bereich mit der niedrigeren Deckenhöhe aufgestellt: Hier führt eine Feuerwehrzufahrt über den Saal und somit konnte die Deckenhöhe nicht vergrößert werden. Im niedrigen Deckenbereich sind die Oberflächen akustisch transparent (Streckmetall), dahinter befinden sich teilweise Reflektoren, teilweise absorbierendes Material, denn in diesem Bereich sitzen die Musiker mit den lautesten Instrumenten (Blechbläser und Schlagzeug). Alle Reflektoren sind gerundet, um die Stärke der Reflexionen zu reduzieren und um diese sowohl zurück zu den Musikern wie auch ins Publikum zu senden. 

Bei Konzerten mit Sinfonieorchester befinden sich die Streicher auf der Vorbühne mit einer größeren Deckenhöhe: Der Übergang wird akustisch durch die weißen, wiederum gerundeten, Akustikreflektoren ausgeglichen. Diese Akustikreflektoren sind von außen durch die Fenster als architektonische Skulpturen sichtbar. Wenn man vom hinteren Bühnenbereich nach vorn läuft, ergibt sich ein fließender akustischer Übergang, keine abrupte Änderung. Die Einstellung der Akustikreflektoren wurde in der Planung simuliert und während eines Tests mit Orchester vor Ort feinjustiert. 

Im Vergleich zum „klassischen Schuhschachtelsaal“ erstaunlich – aber akustisch sinnvoll – wird der Saal in Andermatt in Querrichtung bespielt. Die Breite von gut 22 Metern entspricht der Saalbreite eines klassischen Konzertsaals und die Bühnenbreite ermöglicht Orchester mit bis zu 75 Musikern. Nur ist der Saal in Andermatt mit einer Länge von gut 20 Metern deutlich kürzer (und intimer) als zum Beispiel das KKL in Luzern mit einer Länge von knapp 50 Metern. 

Die Balkonfronten sind nicht vertikal, sondern geneigt ausgeführt, damit sich seitliche Reflexionen zurück zu den Musikern sowie Schallrückwürfe in alle Bereiche des Publikums ergeben. Dies ist extrem wichtig, insbesondere für die ersten Reihen des Publikums: Dort hört man in anderen Sälen häufig fast nur Direktschall und sonst nicht viel. Und sitzt man nicht mittig, sondern seitlich, ergeben sich starke Balance-Probleme. In Andermatt wird dieser Effekt durch die starken Seitenreflexionen von den Balkonfronten kompensiert und schon in den ersten Reihen ergibt sich ein guter Raumklang. Das ist in Andermatt besonders wichtig, da es insgesamt nur 13 Sitzreihen gibt: 7 Reihen im Parterre und 6 Reihen im Balkon.

Auch alle anderen Oberflächen, die Unterseite der Decke über den Seitenbalkonen und die Dreiecke der Holzverkleidung (die „Origami-Struktur“ an Wänden und Decke aus hellem Eichenholz) sind ebenfalls vom Winkel her so optimiert, dass sich nützliche frühe Reflexionen ins Publikum ergeben. 

Die frühe Saalantwort wird durch die Reflexionen von den Holzoberflächen des Saals erzeugt, da wir überzeugt sind, dass natürliche Reflexionen durch hölzerne Oberflächen immer besser klingen als künstlich mit Lautsprechern erzeugte Reflexionen. Nur die „späte“ Saalantwort aus dem Publikumsbereich wird mit dem Nachhallsystem „Amadeus Active Acoustics“ vom österreichischen Büro Rohde Acoustics unterstützt und ausgeweitet. Amadeus ist ein regeneratives Akustiksystem und fügt für den jeweils gewünschten Veranstaltungstyp zusätzliche akustische Energie hinzu, der Nachhall wird verlängert und verzögert. Dazu werden die Signale über der Bühne und im Saal von 25 Mikrofonen aufgenommen. Diese Signale werden über 75 unauffällig in Decke und Wänden integrierte Lautsprecher abgestrahlt. Ohne das System wäre der Nachhall sonst etwas zu kurz, da das Raumvolumen für ein Symphonieorchester zu klein bleiben würde. Technisch ist ein Teil der Deckenflächen akustisch transparent, was auch die Integration der Lüftung in unsichtbarer Weise ermöglicht hat. Mit den Lautsprechern wird dann sowohl eine Reflexion an der sichtbaren Oberfläche wie auch eine Reflexion an der eigentlichen Außenfläche simuliert: Akustisch wird der Bereich über und hinter dem Balkon vergrößert, in einer perzeptiv noch akzeptablen und verständlichen Art und Weise – der Saal ist „akustisch präsent“ und der Großteil der Oberflächen manifestiert sich optisch wie akustisch.

Nach dem erfolgreichen Auftakt im Juni starten die Betreiber ab September mit regelmäßigen Konzerten in die erste Spielzeit des Hauses, darunter auch mit drei Konzerten in Kooperation mit dem Lucerne Festival. 

Die Firma Andermatt Swiss Alps ist dabei, das Örtchen Andermatt, das auf 1437 Metern Höhe über dem Meer am St.-Gotthard-Massiv liegt, grundlegend zu verwandeln. Die architektonisch wie konzeptionell ambitionierte Konzerthalle ist wohl ein Bote einer neuen Ära in der Geschichte von Andermatt. Anfang der 2000er-Jahre begann Andermatt als Alternative zu bekannten Skigebieten wie St. Moritz und Gstaad wieder zu wachsen. Es wird vom wirtschaftlichen Geschick des ägyptischen Milliardärs und seinem langen Atem abhängen, ob es Andermatt gelingen wird, außerhalb der Ski-Saison zu einem Pilgerort für Liebhaber der klassischen Musik zu werden. Der Bauherr, die ägyptische Firma Orascom, möchte Andermatt als Ganzjahresdestination und Musik-Zentrum etablieren. Die neue Konzerthalle soll dazu beitragen, aus dem verträumten Bergdorf ein kulturelles Zentrum zu machen, das auch im Sommer Gäste anzieht. Mit dem Bau der ersten Konzerthalle hat der unerschrockene Entrepreneur vielleicht den Grundstein für eine neue „Stadt der Musik“ gelegt. 
 

Die Autoren:

Dipl.-Ing. Ulf Meyer 

ist Architekt, Autor und Journalist. 

Eckhard Kahle, 

Musiker und Akustiker, war in Andermatt mit seiner Firma Kahle Acoustics zuständig für die akustische Planung des Konzertsaals.

 


Projektbeteiligte und Kosten

Architekt: Studio Seilern Architects, London
Akustikberater: Kahle Acoustics, Antwerpen 
Theater-Consultant: dUCKS scéno, Villeurbanne
Licht-Design: MICHAEL JOSEF HEUSI GmbH, Zürich
Nachhall-System Amadeus: Rohde Acoustics, Salzburg
Vertrieb: MediasPro, Eckersdorf
Installierendes Unternehmen: PKE Elektronics AG, Wien
Baubudget: 11 Millionen Schweizer Franken


BTR Ausgabe 4 2019
Rubrik: Thema: Bau & Betrieb, Seite 66
von Ulf Meyer und Eckhard Kahle

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