Ziegel, Sperrholz, Kletterrosen

Seit seinem Umzug vor drei Jahren findet das Festival Grange Park Opera rund 40 Kilometer von London entfernt statt. Dort entstand auf einem waldigen Anwesen in Rekordzeit ein fünfstöckiger Bau, der an die Mailänder Scala erinnert – bis heute ist nicht alles fertig. Intendantin Wasfi Kani, auf Spenden und Einnahmen durch Eintrittsgelder angewiesen, musste bereits wegen der Coronakrise Gagen kürzen und Stellen streichen, plant aber schon für die Zukunft.

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Auf der Bühne kommt Sopranistin Ailish Tynan jetzt so richtig in Fahrt. Wogendes Wallekleid, vokale Sehnsuchtsseufzer. „Und ach! Sein Kuss!“, schmachtet sie gerade, da klingelt ein Handy. Die Musik bricht ab. Intendantin Wasfi Kani, am Laptop auf der Seitenbühne, blickt ärgerlich auf. Am Flügel guckt Iain Burnside erschrocken und wühlt wie wild in seinen Taschen. Tynan lacht. „Einfach gleich noch mal“, ruft die Irin, „das kriegen wir sowieso noch besser hin!“ Die Intendantin kehrt zurück zu ihren E-Mails.

Der Pianist lässt am Flügel erneut die Tongirlanden perlen, die in Schuberts „Gretchen“-Lied das kreisende Spinnrad mimen. Tynan verwandelt sich umstandslos wieder in ihre Goethe-Figur: „Meine Ruh’ ist hin, mein Herz ist schwer …“. Und der Saal? Der Saal ist leer. Ein Publikum haben die Künstler nicht. Sie sind für Filmaufnahmen im Theatre in the Woods – Grange Park Opera wird sie später im Monat im Netz herausbringen. Die beiden letzten Nummern des Recitals warten mit einem Echo der Coronakrise auf: Erst stellt sich in Muriel Herberts „Hips and Haws“ das lyrische Ich auf einen harten Winter ein, dann träumt in „Si, mi chiamano Mimì“ aus Puccinis „La Bohème“ die Protagonistin von ...

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BTR Ausgabe 1 2021
Rubrik: Bau und Betrieb, Seite 58
von Wiebke Roloff Halsey

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