Schrecklich schöne Vorstadtidylle

Das Schauspiel Köln präsentiert das antike Drama „Phaedra“ frei nach Seneca und Racine in einer neuen Fassung von Thomas Jonigk. Ersan Mondtag hat sowohl die Regie übernommen als auch das Bühnenbild entworfen und verlagert den Stoff in eine US-amerikanische Kleinstadt der 1950er-Jahre. Highlight sind neben knallbunten Kostümen und Bühnenbild auch drei in den eigenen Werkstätten gefertigte Autos

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Im November 2022 fand in der Interimsspielstätte Depot 1 des Schauspiels Köln die Uraufführung von Thomas Jonigks „Phaedra“ statt. Jonigk – Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant – hat die klassische Handlung um Passagen ergänzt, in denen die Darsteller:innen in einer Art punktuellen Rahmenhandlung über ihre Bühnenrollen und den Schauspielerberuf sprechen – wobei Klatsch und Tratsch ebenfalls zum Zuge kommen.

Ohne zeitliche Verortung ist der „Phaedra“-Stoff kurz erzählt: Phaedra (Benny Claessens) ist mit Theseus (Benjamin Höppner) verheiratet, aber hat sich in ihren Stiefsohn Hippolytos (Yvon Jansen) verliebt. Hippolytos erwidert Phaedras Liebe nicht, sondern liebt Aricia (Kristin Steffen). Phaedras engste Vertraute Oenone (Lola Klamroth) setzt, um Phaedra vor der Eifersucht ihres Mannes zu schützen, das Gerücht in die Welt, Hippolytos habe Phaedra nachgestellt, nicht umgekehrt. Theseus hasst fortan seinen Sohn. Phaedra begeht am Ende des Stücks Selbstmord aus Kummer über die unerwiderte Liebe. Da Ersan Mondtag (*1987 in Berlin, im Jahr 2016 von „Theater heute“ als Nachwuchsregisseur sowie Bühnenbildner und Kostümbildner des Jahres ausgezeichnet) seine Inszenierung in eine ...

Die Kostümbildnerin Teresa Vergho erläutert im Interview ihre Arbeit für „Phaedra“

Juliane Schmidt-Sodingen: Teresa Vergho, können Sie uns ein wenig Einblick in das Kostümkonzept geben? Welche Anforderungen gab es an die Kostüme, die Perücken und das Maskenbild?
Teresa Vergho: Der Startpunkt für die Konzeption von Kostüm- und Bühnenbild für „Phaedra“ war die Idee des Regisseurs, die Handlung in eine amerikanische Vorstadthölle zu versetzen, wie man sie aus Serien und Filmen kennt. Vorlagen dafür reichten von „Desperate Housewives“ bis hin zu den „Simpsons“ oder Horrorkomödien wie „Serial Mom“, aber auch amerikanische Künstler wie Edward Hopper, Norman Rockwell oder Jeff Wall sind in die Konzeption eingeflossen. Es ging um die Frage, wo man ein antikes Drama wie „Phaedra“ im heute verorten würde. Der grundsätzliche Handlungsbogen von verschmähter Liebe, Verrat und Rache findet sich ja in den heutigen Daily-Soap-Plots zur Genüge wieder. Mondtag war wichtig, dass die Kostüme sich ästhetisch stark mit dem Bühnenbild verbinden, also die optische Qualität der bemalten Oberflächen und Hintergründe aufnehmen, die Comic-Artigkeit des Bühnenbildes. Darüber hinaus hatte ich aber absolut freie ...

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BTR 3 2023
Rubrik: Produktionen, Seite 20
von Juliane Schmidt-Sodingen

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