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Salamitaktik in Zeiten von Corona

Ein Rundblick über die europäische Opernlandschaft während der Krise

Staatsoper Unter den Linden, Foto: Marcus Ebener

1. Deutschland

Die meisten Intendanten wären paradoxerweise schon froh, wenn sie sicher wüssten, bis wann sie nicht spielen können. «Planungsunsicherheit ist Gift für den Opernbetrieb», sagt Matthias Schulz. Dennoch will der Intendant der Berliner Lindenoper beim Kultursenat der Stadt «um jede Woche kämpfen». Wie an allen großen Häusern üblich, plant auch Schulz seine Besetzungen normalerweise bis zu vier Jahre im Voraus. Nun hat er nicht mal die Rechtssicherheit, Verträge für die kommenden Wochen auszusetzen und damit etwa bei Gastsängern auch eine Entschädigung zu zahlen. Ohne konkrete Perspektiven einen Apparat wie die Staatoper Unter den Linden bei Motivation und Laune zu halten, sagt er, sei alles andere als leicht. Kleinere Häuser haben es da momentan etwas besser, weil sie viele Produktionen ganz oder zumindest großteils aus ihren eigenen Ensembles besetzen können. «Dürften wir spielen, könnten wir sofort frei über unsere Sänger verfügen», sagt Gießens Chefin Miville. Doch das «On and Off» seit Anfang März beschreibt auch sie als quälend, weil «die Situation mit jeder Absage erneut komplexer» werde. «Weg von der Salamitaktik!», fordert deshalb ihr Kollege Jens Neundorff von Enzberg, der in dieser Spielzeit noch das Theater Regensburg leitet und danach ans Meininger Staatstheater wechselt. Lieber sei ihm da «eine klare Ansage, selbst wenn diese mit einem Schock verbunden» wäre.

Den gesamten Beitrag von Michael Stallknecht lesen Sie in Opernwelt 1/21

Teatro alla Scala, Foto: picture alliance

2. Italien

Von den 13 «glücklichen» Opernhäusern Italiens, in denen neben Stadt und Region das Kulturministerium den größten Beitrag zahlt, schafft eigentlich nur das Teatro alla Scala einen gänzlich ausgeglichenen Haushalt – mit rund 120 Millionen Euro auf internationalem Niveau. Die anderen Häuser haben einen Schuldenberg von rund 400 Millionen Euro aufgetürmt, den sie aus eigener Kraft nicht abtragen können. Sie haben eine jahrelange Geschichte aus «Einsparungen» und Beaufsichtigungen durch ministeriale Kommissare hinter sich; ein Ultimatum des Ministeriums, das nun erst einmal bis zum Ende dieses Jahres verlängert worden ist, droht mit weiteren Ausgabenkürzungen. Diesen Maßnahmen sind an fast allen Theatern die Ballett-Compagnien zum Opfer gefallen, aber auch viele künstlerisch Tätige, etwa Choristen, arbeitennur noch auf der Grundlage von Werkverträgen und leben in Teilen des Jahres ohne festes Einkommen. Wie an anderen Orten und in anderen Ländern auch, geht ein Teil dieser Einsparungen zu Lasten des Angebots und dessen Qualität – mit der Folge einer abnehmenden Präsenz im öffentlichen Leben und einer schwindenden Anziehungskraft.

In Italien werden umgerechnet auf eine Million Einwohner 23 Aufführungen im Jahr angeboten, nach einer Statistik, die der «Economist» 2017 veröffentlicht hat. In Deutschland sind es fast 84 Aufführungen, in der Schweiz 83. Woher kommt diese Schwäche? Es ist eine alte Geschichte. Zunächst bedeutet «Kultur» in Italien eine erdrückende Fülle an Baudenkmälern und Kunstwerken, die zurestaurieren und zu erhalten sind. Das allein ist eigentlich schon mehr, als der Staat mit seinen organisatorischen und finanziellen Mitteln zu leisten im Stande ist.

Den gesamten Beitrag von Klaus Georg Koch lesen Sie in Opernwelt 1/21

Das Royal Opera House in London, Foto: picture alliance

3. Großbritannien

In der Tat haben viele Theater längst Entlassungen und auffällig viele Verrentungen gemeldet (so hat Covent Gardens fabelhafter Chor dank einer Mischung aus Abschieden und Vakanzen plötzlich unterm Strich nur noch 38 Mitglieder).

Die Zahlen, die die Musicians’ Union im September veröffentlichte, überraschen kaum: 70 Prozent haben mehr als drei Viertel ihrer Einnahmen verloren, fast die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder muss zur Zeit den Lebensunterhalt anderweitig aufbringen. 34 Prozent wollen den Sektor verlassen. Und mit Corona ist’s ja nicht getan: Seit 1. Januar ist Brexit-Time – und mit Einschränkungen zu rechnen. Immerhin ein Lichtblick: Seit dem 5. Dezember ist der Arts Council in England befugt, Kulturschaffende bei Nachweis eines Engagements (und eines gewissen Status) von der bisher zweiwöchigen Einreise-Quarantäne freizustellen. Im Gegenzug ergeben sich Fragen:Welche Länder erlauben relativ unbürokratisch Kurzaufenthalte für Kreative? Welche verlangen Visa? Wo wird die britische Sozialversicherung akzeptiert? Gibt es Instrumententransport-Staus an der Grenze in Dover? Fragen über Fragen. Zumindest eines steht fest: Kosten und Bürokratie (also ebenfalls Kosten) werden ab Januar nicht geringer.

Den gesamten Beitrag von Wiebke Roloff Halsey lesen Sie in Opernwelt 1/21
Außerdem finden Sie dort Berichte aus Österreich, der Schweiz, Norwewgen, Finnland, Schweden, Frankreich, Belgien und den Niederlanden.