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Ohne Zuschauer ist alles fast nichts

Der Regisseur Stephan Kimmig über die Neuerfindung des Theaters in der Corona-Krise

Am Anfang mussten wir sechs Meter Abstand halten und durften, wie hier in Düsseldorf, von Anfang an auf die große Bühne, weil ja keine Vorstellungen waren. Das hieß aber bei neun Darstellerinnen, dass zwei links und rechts an den Seiten stehen mussten. Die waren verständlicherweise genervt, auch wenn wir rotierten. Und dennoch haben die Körper durch die Abstände zu einer ganz anderen Spannung im Raum und zueinander gefunden. Ich wage die These: Das hätten sie vorher nicht hingekriegt, weil sie immer aufeinander zugerannt wären.

Ich glaube, Empfindsamkeit, auch Sehnsucht entsteht über den Abstand und die Möglichkeiten, die Körper auf der Bühne zusammen haben könnten. Das Unerlöste auszuhalten, erzählt für mich viel von unserer Welt. Es gibt da ein riesiges Gebiet, in dem wir im Theater noch Analphabeten sind. Es ist irre zu sehen, wie viel größer auf einmal die Energie wird, wie verordnete Abstandsregeln plötzlich zu künstlerischen Freiheiten führen. Auch Übersetzungen von Gewalt oder Erotik sind spannender, wenn sie nicht immer über Berührungen erzählt werden.

Ich war mit einem älteren Monolog bei den Mai-Festspielen in Wiesbaden eingeladen, «Ismene» mit Susanne Wolff. Ich fuhr mit, weil ich mir sagte, das kann man in Corona-Zeiten nicht einfach so wie früher spielen. Wir müssen wissen, was wir anders machen. Es war das erste Mal, dass die Theater wieder spielten, die Wiesbadener waren wahnsinnig stolz, sie kamen sogar in der argentinischen Presse auf die Titelseiten. Dadurch, dass es so wenig isolierte Zuschauer sind, musst du sie anders angucken, den Austausch viel direkter, riskanter und persönlicher wagen, eher wie bei einem Essen oder einem Treffen. Etwas, was man sonst von der Bühne aus gar nicht macht, weil die Blicke in der Menge diffundieren. Das wirkt dann plötzlich persönlich und gefährlich, und man hat zudem nicht den Druck, dass man den Zuschauer permanent unterhalten oder den ganzen Saal mitnehmen muss. Oder die Müdigkeit von allen zu spüren, wenn es nicht gelingt. Denn der Zuschauer ist immer 50 Prozent der Vorstellung.

Das gesamte Gespräch mit Stephan Kimmig von Dorothea Marcus lesen Sie in Theater heute 1/21