Declan Whitacker in «Gute Pässe Schlechte Pässe - eine Grenzerfahrung» von Helena Waldmann, Foto: Wonge Bergmann
Declan Whitacker: Werdet singulär
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und Erinnerungen, sein Bewusstsein.
Ist dein Freund folglich etwas ausschließlich Geistiges?
Im Laufe seiner Geschichte hat der Tanz Räume zum Überprüfen, Reflektieren und Befragen der Welt eröffnet. Welchen Platz aber wird der Tanz – wenn überhaupt – einnehmen, wenn wir einmal in einem virtuellen Utopia angelangt sein werden?
Im Jahr 1641 erschienen die «Meditationen über die Erste Philosophie» von René Descartes. Deren wohl nachhaltigstes Vermächtnis ist die von Descartes postulierte Unterscheidung von Geist und Materie. Descartes behauptet, dass er sich ausschließlich seiner Gedanken sicher sein könne, nicht aber seines Körpers, und dass daher sein Körper womöglich gar nicht existiere. Dieser cartesianische Dualismus mit seiner berühmt-berüchtigten Verkürzung «Ich denke, also bin ich» ist seit ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 130
von Declan Whitacker
Wie hältst du’s mit der künstlerischen Freiheit? Gute Frage in aufgeheizten Zeiten. Ist ein Tanzstück politisch genug, um gesellschaftlich relevant zu sein? Wieder eine heiße Frage, eine Wiedergeburt aus den 1970ern. Nur: Heute scheint alles noch komplizierter, als es vor vierzig Jahren ohnehin schon war. Das vor zehn Jahren gegründete, junge italienische Kollektiv...
«Wie sieht der Tanz der Zukunft aus und wo findet er statt?» Meine Antwort: Man müsste mehrere Jahre um die Welt reisen und intensive Beob-achtungen anstellen. Danach könnte man vielleicht eine kompetente Auskunft geben – wenn auch notwendigerweise durch die eigenen Präferenzen gefärbt. So allgemein, wie die Frage gestellt ist, kann ich sie keinesfalls guten...
An einem lauen, fast noch sommerlichen Abend im September 2014 versammeln sich Zuschauer und Zuschauerinnen vor einer runden Holzkonstruktion, die nächst dem ehemaligen Schwimmbad auf dem Monte Verità liegt. Nachdem alle Einlass erhalten und sich auf die Holzbänke gesetzt haben, werden Wolldecken und Mückenspray verteilt. Auf dem Programm steht das von Dorothée...
