Declan Whitacker in «Gute Pässe Schlechte Pässe - eine Grenzerfahrung» von Helena Waldmann, Foto: Wonge Bergmann
Declan Whitacker: Werdet singulär
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und Erinnerungen, sein Bewusstsein.
Ist dein Freund folglich etwas ausschließlich Geistiges?
Im Laufe seiner Geschichte hat der Tanz Räume zum Überprüfen, Reflektieren und Befragen der Welt eröffnet. Welchen Platz aber wird der Tanz – wenn überhaupt – einnehmen, wenn wir einmal in einem virtuellen Utopia angelangt sein werden?
Im Jahr 1641 erschienen die «Meditationen über die Erste Philosophie» von René Descartes. Deren wohl nachhaltigstes Vermächtnis ist die von Descartes postulierte Unterscheidung von Geist und Materie. Descartes behauptet, dass er sich ausschließlich seiner Gedanken sicher sein könne, nicht aber seines Körpers, und dass daher sein Körper womöglich gar nicht existiere. Dieser cartesianische Dualismus mit seiner berühmt-berüchtigten Verkürzung «Ich denke, also bin ich» ist seit ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 130
von Declan Whitacker
Wir treffen uns in Kiel, wo Lucinda Childs zuletzt Jean-Marie Leclairs tragédie-lyrique «Skylla und Glaukos» inszeniert hat. Opernregie führt sie inzwischen regelmäßig, aber weltberühmt wurde sie als Choreografin, als Expertin für schnörkellos reinen Tanz. Über den Beginn ihrer Karriere spricht sie gern, aber selten. Weil dieses Kapitel im Schatten späterer Erfolge...
Mit einem BA in Zeitgeschichte, einem MA in Performing Arts Management und seiner nunmehr 20-jährigen Tätigkeit als Event-Manager mit zeitgenössischem Schwerpunkt ist der 56-jährige Gigi (Luigi) Cristoforetti ein erfahrener Macher. Seit 2002 mit der Leitung des «Torinodanza»-Festivals betraut, hat er seiner Vorliebe für Physical Theatre frönen können:...
Warum gehören Cecilia Bengolea und François Chaignaud hierher, die doch frech alles an Tanzstilen zusammenrühren, was auf Straßen und in Clubs nicht bei drei in der Versenkung verschwunden ist? Genau deshalb, weil das im französischen Lyon beheimatete Choreografenduo einfallsreich durcheinander mixt, was scheinbar gar nicht zusammengehören kann – und weil die...
