Foto: monteverita.org
Monte Verità
An einem lauen, fast noch sommerlichen Abend im September 2014 versammeln sich Zuschauer und Zuschauerinnen vor einer runden Holzkonstruktion, die nächst dem ehemaligen Schwimmbad auf dem Monte Verità liegt. Nachdem alle Einlass erhalten und sich auf die Holzbänke gesetzt haben, werden Wolldecken und Mückenspray verteilt. Auf dem Programm steht das von Dorothée Thébert Filliger und Filippo Filliger geschriebene und inszenierte Stück «Peut-on être révolutionnaire et aimer les fleurs?».
Die Sonne geht langsam unter, die Vorstellung beginnt.
Zwei Darsteller und zwei Darstellerinnen posieren in der Mitte der runden Rasenfläche. Allseits sind sie von Publikum umgeben. In rascher Abfolge schlüpfen sie in Rollen verschiedener historischer Persönlichkeiten des Monte Verità, wobei immer klar bleibt, dass sie diese spielen und zeigen, nicht aber verkörpern. «Ich bin Isadora Duncan, und ich habe den Tanz aus den ästhetischen Maximen des Balletts befreit!», ruft eine Darstellerin. «Ich bin Gusto Gräser, ich wohne nackt in einer Grotte!», erklärt ein Darsteller. Die Aufführung folgt keiner linearen Narration, sondern einer Art Nummerndramaturgie, wie sie bereits für die Dada-Abende im Cabaret ...
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Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Mythische Orte, Seite 25
von Andreas Schwab
Wie hältst du’s mit der künstlerischen Freiheit? Gute Frage in aufgeheizten Zeiten. Ist ein Tanzstück politisch genug, um gesellschaftlich relevant zu sein? Wieder eine heiße Frage, eine Wiedergeburt aus den 1970ern. Nur: Heute scheint alles noch komplizierter, als es vor vierzig Jahren ohnehin schon war. Das vor zehn Jahren gegründete, junge italienische Kollektiv...
Der Tanz scheint vielerorts mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein. Vielfach aus den Theaterräumen ausgezogen, ist er in den öffentlichen Raum eingezogen und sucht dort sein Publikum. Dabei hat er neue Inhalte für sich erobert. Getrieben vom Event-Zeitgeist der Informationsgesellschaft, verliert er sich inzwischen zunehmend in einer immer raffinierter...
Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein...
