«In the Woods», Foto: Katja Renner
Claire Vivianne Sobottke
Nymphe, Amazone, Diva, Punk, Girlie: Claire Vivianne Sobottke ist eine Gestaltwandlerin. Weibliche Personae sonder Zahl verkörpert sie in ihren Performances, und oft genügt ihr eine Minimalbewegung, um ein Klischee aufzufächern: Mit einem gezierten Kopfschütteln markiert die Sobottke selbstbewusste Unschuld, mit wildem Headbanging begleitet sie ein enthemmtes Schlagzeugsolo. Oktavenweit presst sie in «Strange Song» die Töne aus dem Zwerchfell, röhrt vulgär wie eine Standup-Komödiantin.
Claire Vivianne Sobottke verhandelt, was heute feministisch ist, prüft Rollenbilder auf ihre Tauglichkeit und schneidet Stereotype so rasant aneinander, dass sich die Frage nach einem selbstidentischen «Ich bin …» verflüchtigt. Ich ist immer (eine) andere! Je nach Anlass, Lust und Laune. Wild, erotisch, verspielt, schamlos, durchlässig, tough: Verwandlungsfähigkeit hat die 1982 geborene Deutsch-Französin gelernt, als ausgebildete Schauspielerin mit frühem Interesse an Tanz und Performance. 16-jährig stand sie im Essener Grillo-Theater auf der Bühne, fasziniert von Grotowski, Butoh, Körperkunst. In Berlin entfaltete sich ihre Tanzkarriere, durch kleine Projekte mit Anna Melnikova, Hermann Heisig oder Jule Flierl während der UdK-Ausbildung, in der Zusammenarbeit mit Tian Rotteveel oder Karol Tyminski. 2012 zeigte Sobottke dann ein Solo im ada Studio, der Berliner Nachwuchsschmiede. 2013 war sie «danceweb»-Stipendiatin in Wien, 2014 Teilnehmerin des Coaching-Projekts der «Berliner Tanztage». Dann ging alles ganz schnell: Als Performerin arbeitete sie mit Tino Sehgal, war in Meg Stuarts «Until Our Hearts Stop» zu sehen. Bei der «Tanznacht 2016» inszenierte sie mit Sheena McGrandles eine White Cube-Installation, 2017 war sie mit «In the Woods» Teil von Christoph Winklers «Hexentanz»-Projekt und tauchte mit ihrem Solo «Strange Song» dann wieder tief ein in ihr eigenes work-in-progress-Kontinuum. Mit der Reihe «Amazonas» an den sophiensaelen bietet sie auch anderen Berliner Künstlerinnen Produktionsmöglichkeiten, war ihr doch aufgefallen, dass der Berliner Senat mehr Männer als Frauen fördert. So beantragte sie kurzerhand selbst Stiftungsgelder. Ermöglicherin: noch eine Rolle für die wandlungsstarke Claire Vivianne Sobottke.
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 184
von Elena Philipp
«To imagine the future is a political practice», schreibt die Feministin Laurie Penny auf der Netzplattform «The Baffler». Die Zukunft zu imaginieren, steht gerade auch im Zentrum unserer künstlerischen Arbeit im Theater. Im Theater erproben wir das Leben, die Welt. Die Bühne ist ein Raum zum Experimentieren und Imaginieren, zum Ausloten anderer Lebensmodelle und Utopien. Dieser Raum...
«Wie sieht der Tanz der Zukunft aus und wo findet er statt?» Meine Antwort: Man müsste mehrere Jahre um die Welt reisen und intensive Beob-achtungen anstellen. Danach könnte man vielleicht eine kompetente Auskunft geben – wenn auch notwendigerweise durch die eigenen Präferenzen gefärbt. So allgemein, wie die Frage gestellt ist, kann ich sie keinesfalls guten Gewissens beantworten.
Ich kann...
Der Körper scheint als Medium zunächst ganz ungeeignet für Utopien. Während die Literatur eine utopische Zukunft projizieren kann, fehlt dem Körper ein solcher Zukunfts-Modus. Auch ist die im Utopiebegriff implizite Unmöglichkeit zumindest mit einem lebendigen Körper nur schwer vereinbar. Wir können Utopien in Geschichten und Traktaten erdenken. Wenn sie den Körper betreffen, können wir...
