Marcos Morau «Nachtträume»
Der Traum könne zu «einem politischen Röntgenbild» werden, sagt Marcos Morau in einem Programmheft-Interview zu seinem Stück «Nachtträume». So wie das Hessische Staatsballett die 2022 in Zürich uraufgeführte Choreografie des Spaniers zeigt, kommt einem der Traum eher wie eine gesellschaftliche Aura-Fotografie vor: Nicht das feste Knochengerüst der Zivilisation ist hier zu sehen, sondern eher das wilde Wabern einer sozialen Seelenlandschaft. Das ist allemal faszinierender als jeder scharfe Röntgenblick.
Inspiriert vom Totentanz «Der grüne Tisch», in dem Kurt Jooss 1932 die militaristischen Machtspiele des Weltkriegs als Groteske beschwor, versammelt Morau seine Tanzgesellschaft um einen runden Tisch unter einem retrofuturistischen Kronleuchter mit Kugellampen. Nur geht es in «Nachtträume» nicht um die Vorbereitung zum Krieg, sondern um die Manipulation des Menschen ganz generell.
In weißen Hemden drängt die Menge zu ihrem Platz an der Tafel. Jeder drückt seinen Nächsten, bis alles seine totalitäre Ordnung hat und Bewegungswellen durch die Reihen laufen, die Masse zum Ornament wird. Wobei es völlig egal ist, ob der runde Tisch nun Kommandozentrale oder Büro, Casino oder Club ...
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Tanz November 2026
Rubrik: Kalender, Seite 41
von Stefan Benz
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