Der Orlando Effekt

Plötzlich wieder da: Nach einer Auszeit beim Zirkus beginnt Tim Plegge seine Heidelberger Tanzdirektion mit einem Ballett nach Virginia Woolf

Tanz - Logo

Ein Leben lang hat Lord Orlando versucht, zwischen Kunst und Natur seinen Platz zu finden. Auf der Bühne des Marguerre-Saals im Heidelberger Stadttheater steht ein mächtiges Landschaftsbild mit einem Baum für diesen unaufgelösten Gegensatz. Auf halber Strecke des Tanzabends schläft der Held auf der Rückseite des Gemäldes ein. Sieben Tage schlummert die Renaissancefigur in Virginia Woolfs fantastischem Künstlerroman, um als Lady Orlando wiederzuerwachen.

Aus dem androgynen Mann, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, wird eine alterslose Frau, die sich auf ihrem langen Weg bis in die Gegenwart als Künstlerin durchsetzen muss. Dass Tim Plegge (tanz 5/26), Jahrgang 1977, sich zum Start der Intendanz von Bernadette Sonnenbichler in Heidelberg mit Virginia Woolfs Stoff als neuer Tanzdirektor vorstellt, hat einen schönen Hintersinn: So wie Orlando seinen Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts war ja auch Plegge der Tanzwelt zwischenzeitlich abhandengekommen. Nicht sieben Tage, sondern viele Jahre. Die Nachricht, dass der Gründungsdirektor des Hessischen Staatsballetts mit Sitz in Wiesbaden sein Amt «aus gesundheitlichen und privaten Gründen» niederlegt, war 2020 überraschend gekommen. Bis 2024 sollte er noch weiter frei mit der Company arbeiten. Gegen Ende der Pandemie legte er nach langem Produktionsprozess «Memento» nach. Doch dann war er weg.

In Deutschland künstlerisch spurlos verschwunden, schloss sich Plegge, der in Luzern wohnt, dem Zirkus Chnopf in Zürich an. Dort entwickelte der Theatermann, der, als Turner begonnen, sich auch mal beim Zirkus versucht hatte und schließlich bei John Neumeier als Tänzer in die Lehre gegangen war, seit 2024 Cirque Nouveau als Sommerspektakel mit Profis und jungen Leuten. Mit drei Probenund vier Tourmonaten über Plätze, wo der Hut rumgeht. So ganz anders als im Staatsballettbetrieb mit Produktionsdruck an den beiden Spielorten Darmstadt und Wiesbaden, wo Plegge sich seit 2014 vor allem als Mann fürs Handlungsballett profiliert hatte. Stoffe wie «Aschenputtel», Shakespeares «Sommernachtstraum», Schuberts Liederzyklus «Winterreise» oder Ferenc Molnárs Jahrmarktsdrama «Liliom» verwandelte er in poetische Tanzerzählungen – stets eingängig, gern auch mal gefällig.

Zum Start des Staatsballetts war der junge Plegge, der zuvor nur ein Handlungsballett – «Momo» in Karlsruhe – erarbeitet hatte, genau der Richtige. Vor ihm hatte Stephan Thoss in Wiesbaden auch gerne mal mit Körpern Geschichten durchbuchstabiert. Traditionalisten in der Landeshauptstadt hingen derweil immer noch dem Spitzentanz des Ben Van Cauwenbergh nach. In Darmstadt hatte parallel dazu Mei Hong Lin über zehn Jahre ihr Tanztheater kultiviert. Der Tanzerzähler Plegge holte das Publikum in beiden Städten ab, bot Konvention mit Klasse, während Gastchoreografen eine große Formvielfalt ins Repertoire einbrachten.

Theater mit Gemeinschaftsgefühl
Das funktionierte gut, bis der Chef die Reißleine zog. Auch für ihn überraschend, wie er heute selbst sagt. Und ebenso ungeplant ergab sich auch seine Rückkehr. Er habe sich nicht beworben, der Funke sei vor zwei Jahren im Dialog mit der designierten Intendantin Sonnenbichler (tanz 5/26) übergesprungen, berichtete er der Heidelberger Lokalzeitung: «Meine Sicht auf den Beruf hat sich stark verändert», heißt es da im Interview. Plegge kehrt also innerlich verwandelt zurück. Die familiäre Arbeit im Zirkus – «Alle tragen das Gemeinschaftsgefühl» – habe sich auf sein Theaterverständnis übertragen, berichtet er im Gespräch mit tanz. Ist das der Orlando-Effekt? Plegge mag der deutschen Ballett-Szene zwischenzeitlich abhandengekommen sein, bei seiner Rückkehr in Heidelberg mutet es indes an, als sei er nie weggewesen. Die Reaktionen nach der «Orlando»-Premiere wirken, als habe er mit seinen zwölf Tänzerinnen und Tänzern das Publikum aus dem Stand erobert. Mit dem Neuen muss ja auch keiner fremdeln. Plegge mag einen anderen Blick auf sein Schaffen und ein kooperativeres Verständnis für die gemeinsame Arbeit gewonnen haben. Von «Lust auf die Vielfalt» ist im Programm die Rede. Seine Ästhetik aber ist nach wie vor klar und bildstark, seine Erzählweise unmittelbar zugänglich.

Wiedergeburt als Dichterin
Die Figur Orlando hat auf der Bühne zwar bis zu sieben Verkörperungen, ist aber durch ein gelbes Wams stets zu erkennen (Kostüme: Judith Adam). Die Musik markiert die höfische Historie mit Vivaldi und Purcell, den Besuch der russischen Prinzessin Sascha mit slawischen Klängen von Georgij Sviridov und die Entwicklung der Hauptfigur immer wieder mit der Cello-Stimme in Stücken von Anna Clyne, Lera Auerbach und Dobrinka Tabakova. Unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Dietger Holm fächert das Philharmonische Orchester die Vielfalt der musikalischen Akzente sehr fein und stets gelöst auf. Es sind immer wieder lichte Klangfarben, die im düsteren Raum (Bühne: Andreas Auerbach) mit seinen verschiebbaren Wänden den Weg weisen durch die Zeiten. Vor diesem Hintergrund gelingt es Plegge über achtzig Minuten in acht Bildern plus Prolog und Epilog, den Roman im Kern in den Griff zu kriegen. In der elisabethanischen Welt versucht Orlando noch, sich an die gesellschaftlichen Regeln zu halten. Auch wenn ihn früh kleine Impulse durchzucken, unsichtbare Kräfte an seinen Armen zu ziehen scheinen. Er windet sich, tanzt auch mal aus der Reihe, schaut sich seine Gruppe von der Seite an. Die Begegnung mit der Queen, die ihn protegiert, holt ihn wieder in die Spur. Die große Liebe mit Sascha, die ihn sitzen lässt, bringt ihn aus dem Tritt.

Nach seiner Verwandlung im Schlaf wacht der Lord als Lady inmitten von Damen in Glitzerkleidern wieder auf. Wie sie Orlando emporheben, mutet an wie eine Auferstehung. Eine Wiedergeburt als Dichterin: Orlando entdeckt Zettel in ihren Taschen, sucht den Kontakt zu großen Dichtern, die sie arrogant auflaufen lassen. Mit tänzerischem Witz erscheinen sie als cooler Boy’s Club, wischen Orlandos Texte von der Tafel, zerknüllen ihre Papiere. Zu sich selbst und zur Kreativität findet die Titelfigur schließlich im Orlando-Ensemble, wo jeder und jede sein kann, wer sie ist und wer er will. Nun endlich fällt die Dichtung auf Papierblättern vom Bühnenhimmel. Männer und Frauen werfen ihre Kleider ab, wechseln von der Hose zum Rock und umgekehrt. Die queere Botschaft schlägt sinnfällig ein. Die Antwort bei der Premiere ist unmittelbarer Jubel.

Plegge ist mit seiner komplett neu formierten Truppe auf Anhieb in Heidelberg angekommen. Vom Vorgänger Iván Pérez ist nicht nur kein Personal geblieben, sondern offenbar auch kein großer Abschiedsschmerz. Im Januar 2027 will der Chef seine Tänzer im Alten Saal ganz nah ans Publikum heranlassen. «Herr Schubert … eine Winterreise» wird ein Wiederhören mit dem Liederzyklus, den Plegge mit dem Hessischen Staatsballett einst denkwürdig düster durchschritt. Nun könnte es eine intime Begegnung werden. Nach dem Partizipationsprojekt «Liebes-Rausch» und einem Abend mit Choreografien aus der Company («Hausmarke Tanz») sollen Sofia Nappi und Lucas Valente im Juni den Doppelabend «Fibonacci» gestalten. Zum Finale seiner ersten Saison setzt Plegge als prägender Tanzerzähler auf «zwei kontrastierende choreografische Handschriften».

«Orlando» wieder am 7., 20. November, 4., 30. Dezember; www.theater-heidelberg.de


Tanz November 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Stefan Benz

Weitere Beiträge
In der Klemme

Jede Hauptstadt hat Repräsentationskultur. Das ist wichtig und richtig, aber auch ein bisschen langweilig. Kluge Politiker*innen und Kulturmenschen haben 2007 erkannt, dass Berlins kulturelle Attraktivität und sein Potenzial, Impulse in alle Gesellschaftsbereiche des Landes zu senden, in erheblichem Maße in der Freien Szene begründet liegt. Deswegen wurde der Hauptstadtkulturfonds (HKF)...

Einladungen

Natürlich wird bei Tony Rizzi auch getanzt. Im Video «NNNN» (2003) etwa, das eine Aufführung des damaligen Ballett Frankfurt dokumentiert, oder in «Ocean» (2015), in dem Irene Klein und Daniel Chait im Meer vor der italienischen Insel Ischia durch die Fluten tanzen. Rizzi beschreibt mit der Kamera sein Leben, und wenn dieses Leben darin besteht, dass man im Hauptberuf Tänzer bei William...

Vermischtes 11/26

Tanzhaus Basel
THE BRIDGE
Das Tanzprojekt «The Bridge» der Professional Ballet School Basel in Kooperation mit dem Tanzhaus Basel fungiert als Brücke zwischen dem Ausbildungsabschluss an einer Tanzschule und dem Beginn der Karriere. Im Fokus stehen die Möglichkeiten und Voraussetzungen beim Karrierestart. Das Programm bereitet angehende Tänzerinnen und Tänzer durch gezieltes technisches...