Lady mit Zylinder
Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in Yorkshire eine Frau namens Anne Lister. Sie besaß Ackerland und Kohlegruben und wird von einigen als die «erste moderne Lesbe» bezeichnet, auch bekannt als «Gentleman Jack» – eine unkonventionelle, kluge Geschäftsfrau mit erstaunlichem Sexleben. Letzteres kam ans Licht, als es im 20. Jahrhundert gelang, die Geheimschrift zu dekodieren, in der sie ihre Tagebücher verfasst hatte.
Der wohl originellste Coup in Annabelle Lopez Ochoas Abendfüller «Gentleman Jack», den das Northern Ballet in Leeds herausbrachte, ist ein Chor von Wörtern, verkörpert von Tänzer*innen in papierfarbenen Trikots, auf denen Schriftsymbole die Geheimsprache der intimen Tagebücher repräsentieren. Dank dieses abstrakten Kunstgriffs wächst das Ballett am Ende über die bloße irdisch-biografische Erzählebene hinaus und gewinnt eine quasi überirdische Perspektive hinzu. Doch dazu später. Neben einem bemerkenswerten Talent für narrative Klarheit besitzt Lopez Ochoa – hier noch unterstützt von Clare Crofts kluger Dramaturgie – einen cineastisch-zügigen Erzählduktus, dessen kurze Szenen sowohl Humor und Esprit als auch düstere, bisweilen brutale Elemente enthalten. Seit dieser Saison Artist in Residence am Ballett Dortmund, hat sie sich auch dort bereits mit der aus Amsterdam übernommenen Kalo-Biografie «Frida» als gute Erzählerin eingeführt.
Peter Salem hat für «Frida» komponiert, nun auch für «Gentleman Jack». Seine melodische, dramatisch-atmosphärische Musik lebt von warmen Blech- und solistischen Streicherklängen und oszilliert subtil zwischen Momenten physischer Konfrontation und zarter Romantik. Christopher Ash zeichnet für die stimmungsvolle, oft ausgesprochen schöne Lichtregie ebenso verantwortlich wie für die Bühne mit den drehbaren Bücherregalen, deren Rückwände für Projektionen von landschaftlichen Impressionen aus Listers Heimat Yorkshire oder Pariser Straßenszenen dienen. Kleinere Möbelstücke werden von den Darsteller*innen beständig geschickt umarrangiert. Die stilvollen Kostüme von Louise Flanagan lassen dezent das 19. Jahrhundert anklingen, ohne aufdringlich historisierend zu wirken.
Natürlicher Charme
Zu Beginn der Handlung sehen wir eine Anne Lister, die – mit unverwechselbarem schwarzen Gehrock, Zylinder und Spazierstock ausgestattet – von feindseligen Geschäftsmännern umringt wird. Der Tänzerin Gemma Coutts, hier in ihrer ersten großen Hauptrolle zu sehen, steht all das zur Verfügung, was sich Choreograf*innen nur wünschen können: körperliche Disziplin, unbedingte Musikalität und der natürliche Charme einer die Handlung tragenden Protagonistin. George Liang in der Rolle des die Geschäftsmänner anführenden Christopher Rawson darf mit umwerfender Präzision und Virtuosität für die Bravura-Momente des Balletts sorgen, indem er die Bühne mit seinen ungemein schnellen Sprüngen und Drehungen regelrecht abfrühstückt, dabei aber zu keinem Zeitpunkt aus der Rolle fällt. Seine Kollegen nutzen den Konferenztisch derweil als Basis für Flickflacks und diverse andere athletische Einlagen. Lister, die sich mit ihrer Resolutheit unter den Fabrikanten, Bergarbeitern und anderen Männern in ihrem Umfeld gelinde gesagt keine Freunde macht, wird von diesen am Ende des ersten Akts schließlich attackiert, verletzt und gedemütigt. Saeka Shirai spielt und tanzt die Rolle von Marianna, Listers erster Geliebter, die mit dem Langweiler Charles Lawton (Jackson Dwyer) verheiratet ist. Die beiden Frauen glauben, ihr Verhältnis sei geheim, doch legt Lawton später einen von Lister verfassten Liebesbrief vor, der diese Illusion platzen lässt. Shirai jedenfalls agiert in ihren zwei geschmeidig-schlängelnden Duetten mit Lister – die Lopez Ochoa nutzt, um zahlreiche Partnering-Konventionen zu durchbrechen –, ungeheuer raffiniert und verführerisch. In einer späteren Szene besucht Lister ein Pariser Freudenhaus, in dem sich attraktive Frauen (das berühmte Urteil des Paris parodierend) ihr gegenüber entblößen, indem ihre Kleider förmlich von ihren Körpern fließen.
Komplexe Gefühlswelten
Die große Liebe von Gentleman Jack jedoch ist die Erbin Ann Walker, der die Protagonistin zunächst bei einem Spaziergang und schließlich im Hause ihres Onkels Rawson begegnet. Dort sorgt sie für einen kleinen gesellschaftlichen Skandal, indem sie unverblümt mit der betörten jungen Dame flirtet. Man verabredet ein geheimes Rendezvous, das die beiden Tänzerinnen als Pas de deux auf einem niedrigen Sitzmöbel beziehungweise um es herum ausgestalten. Rachael Gillespie als Walker lässt in ihrer Performance komplexe Gefühlswelten aufscheinen: Anfänglich verunsichert, schüchtern und etwas ängstlich, setzt sie ihre großen, leuchtenden Augen ein, um schier unzählige Gefühlsnuancen zum Ausdruck zu bringen, bevor sie Listers selbstbewusstem Charme erliegt. Lopez Ochoa hat diesen Augenblick höchster Delikatesse und Zartheit mit perfektem Fingerspitzengefühl choreografiert. Hinzu kommt, dass sich die Tänzer*innen des Northern Ballet angesichts des weitgehend aus Handlungsballetten bestehenden Repertoires der Compagnie längst auch als versierte Schauspieler*innen bewährt haben. Folglich liefert das Ensemble ausnahmslos pralle, vielschichtig gezeichnete Rollenporträts.
Die Hochzeit von Anne Lister und Ann Walker ist als transzendentaler Trip choreografiert: Nahezu alle Compagnie-Mitglieder treten identisch gewandet als Wörter auf und bewegen sich dabei in lyrisch-eleganten Formationen unter himmlisch-funkelndem Licht. Derweil gehen die beiden mit langen Schleiern geschmückten Bräute aufeinander zu, um sich das Eheversprechen zu geben. Wie das diesseitige Geschehen hier endgültig zurückgelassen wird, und das Ballett in eine losgelöst-überirdische Sphäre hinübergleitet, kann man durchaus als Geniestreich der Choreografin bezeichnen. Die Folge jedenfalls ist ein regelrechter Jubelausbruch des Publikums, als der Vorhang fällt. Die Idee, ein abendfüllendes Handlungsballett in Auftrag zu geben, an dessen Inhalt sich bis dato noch niemand gewagt hatte, geht auf Artistic Director Federico Bonelli (tanz 3/24) zurück. Was für ein Glück, dass seine Wahl auf Annabelle Lopez Ochoa und «Gentleman Jack» gefallen ist.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher
Wieder Nottingham, Theatre Royal, 13.–16. Mai; London, Sadler’s Wells, 19.–23. Mai; Norwich, Theatre Royal, 27.–30. Mai; Salford, The Lowry, 4.–6. Juni; Bradford, Alhambra Theatre, 3.–5. September; www.northernballet.com
Tanz Mai 2026
Rubrik: Produktionen, Seite 10
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