Gemeinsam einsam
Machen wir uns nichts vor: Die Stimmung in Berlin ist an vielen Orten rauschhafter als bei «Tanz im August». Das Festival baut keine sozialen Wohlfühlorte, im Zentrum stehen die künstlerischen Arbeiten, und aus ihnen heraus muss sich so etwas wie gemeinsame Atmosphäre herstellen.
Dazwischen wird sie eben durch liebevolle Details erhalten: So bekommt man einen erlösenden Fächer nach der barriereunfreundlichen Treppe im HAU3, man erntet versöhnliche Blicke beim Aneinandervorbeischieben in Reihe 3, und man erlebt jene Momente, in denen professionelle Analysen bei einem Drink unbemerkt in eine ebenso komplexe Kuration des Tinder-Profils übergehen.
Aber wer hätte uns auch etwas vormachen wollen? Natürlich erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt nach «Après moi, le déluge» von (La)Horde (S. 20) im Haus der Berliner Festspiele. Sobald sich die Publikumsmasse nach den Ovationen vereinzelt, treten allerdings jene hervor, deren Körper resistent gegen den Rausch «einer oberflächlichen Überästhetisierung» geblieben sind. Generationenkonflikt inklusive: Die einen sehen in den Perücken der Unterweltsnymphen konservative Rheintöchter, die anderen schreiben ihnen eine epische Ode. Anderer Raum, andere Sitten: Tribünen-Trommelwirbel im Radialsystem V, nachdem Agnietė Lisičkinaitė und Igor Shugaleev in «Clap & Slap» (tanz 8-9/26) das Publikum erst zum rhythmischen Klatschen animieren, sich dann im Gleichklang Backpfeifen als Methode der Selbstgeißelung geben, bis schlussendlich eine Zuschauerin darum bittet aufzuhören. Gerade durch die inhaltliche Auseinandersetzung des Stücks mit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine bekommt die Bitte politische Mehrdeutigkeit: Wer soll aufhören? Diejenigen, die Gewalt ausführen? Diejenigen, die sie befeuern? Und was ist mit denen, die einfach zusehen?
Machen wir uns (leider) nichts vor: Oft machen die (mehr als menschlichen) Objekte größeren Eindruck als die (menschlichen) Bewegungen selbst. Die genialen Glaskaraffen in «The Choreography of Water» (Deaconescu/Moser/Oprescu) ebenso wie die gewaltige Konstruktion in «Hornfuckers» (Diana Niepce) wirken alleine am stärksten. In «Les Oiseaux» (Lenio Kaklea, tanz 8-9/26) wiederum stellt sich die Frage, was mit einer Arbeit passiert, die die Ästhetik von Drohnenüberwachung aufruft, deren Bilder aber nicht in Echtzeit entstehen. Und selbst Trajal Harrells unverkennbare Bewegungssprache – für manche «bei geschlossenen Augen die Welt streicheln, wie nur er es kann» – scheint durch die Weitergabe an das Zürich Dance Ensemble allmählich die Wirkung von seinem eigenen Körper zu lösen. Viel berührender in «Music Music» (tanz 7/26): die verzerrte Symphonie, als Zuschauer*innen gebeten werden, «Cold Heart» von Elton John feat. Dua Lipa auf ihren Smartphones aufzurufen.
Wir können uns nichts mehr vormachen: Peter Weibels «Telegesellschaft» hat nun auch endgültig im Theater Platz genommen. Gemeinsam auf Bildschirme schauen als schönste Momente eines Festivals, das ist eben typisch Berlin: zusammen etwas erleben und dabei doch allein bleiben.
Tanz Oktober 2026
Rubrik: Tanz im August, Seite 16
von Thusnelda Marín Jungmann
CD des Monats
MERE MORTALS
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