Ich lebe noch, Gott sei Dank

Ein Brief vom Dramatiker des Jahres

Theater heute - Logo

Mein bester Thomas, ich sende dir Grüße. Hier gehen die Dinge ihren gewohnten Gang. Bombenterror herrscht, und das schon bald vier Jahre. Oder noch länger. Kommt darauf an, ab wann man zu zählen beginnt. Wahrscheinlich hat das gar nie aufgehört. Also auch nie angefangen. Keine Ahnung, was ich dagegen tun kann. Und deshalb bleibe ich zu Hause. Wir haben uns nett eingerichtet, obwohl die Umstände widrig und dieses Einrichten, ehrlich gesagt, ziemlich anstrengend ist. 

Oft denke ich, es könne nichts Schlimmeres, nichts Erdrückenderes geben als die eigene Biografie.

Es braucht einem dazu gar nicht schlecht zu gehen. Auch das Glück wird unerträglich, sobald es das eigene ist. Wir sollten deshalb eine eigene Biografie vermeiden. Oder eine fremde vortäuschen, was von den meisten Leuten bevorzugt wird. Wenigstens in unseren Tagen. Das kommt, glaube ich, nicht auf die Mode, sondern ganz auf die Person an. Persönlich mache ich mir nichts aus Kostümierungen. Es würde mir nie einfallen, mir einen Bart stehen zu lassen, bloß, damit mich die Menschen nicht erkennen. Ich würde auch mit Perücke und hinter einer Sonnenbrille erkannt. Und wenn nicht, so würde ich es mir einbilden, was letzten Endes ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Autoren des Jahres, Seite 88
von Lukas Bärfuss

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wortmusikers Heimatsprache

Wenn man genau hinsah, konnte man die zukünftige Hauptfigur von Guy Krnetas neuem Stück bereits auf einer Bühne erkennen. Im Maßstab 1:87 stand sie da im Foyer des Theaters Basel, inmitten einer Modelleisenbahnlandschaft, inmitten eines Abends eines anderen Theatermachers, inmitten von Stefan Kaegis Stück «Mnemopark», das in einem Modellversuch die Konstruktion des...

Die neue Klassengesellschaft?

+ Während sich Arm und Reich in Deutschland wieder schärfer trennen und neu sortieren, müssen sich auch die Bühnen altneuen Fragen stellen. Warum kommen immer dieselben Häuser zum Berliner Theatertreffen? Wie gut und ambitioniert ist das Schauspiel in der sogenannten Provinz? Welche Dynamik hat die deutschsprachige Bühnenszene in den letzten Jahren erfasst? Ob wir...

Vier Jahrzehnte

Als der englische Bankier Henry Hoare in den Jahren nach 1740 seinen Traum einer heroischen Idylle ohne Wiederkehr in der Park- und Seenlandschaft von Sourhead zu verwirklichen begann, gehörte der Bau einer aus mehreren Höhlen errichteten Grotte zu diesem Entwurf eines künstlichen Paradieses. Eine Welt wie vom Anbeginn der Zeiten, als die Menschen noch mit den...