Was ist denn Tiefe?

Das Ballettensemble des Berliner Friedrichstadt-Palastes begibt sich in die Hände des künftigen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch. Gimmick zur 100-jährigen Geschichte des Showtempels? Oder ein Bekenntnis zur Stadt?

Tanz - Logo

Aus der Tiefe des Raumes in den Raum hinein fährt eine Brücke. Die Räder sind unsichtbar. Ein paar Stufen, ein Geländer links und rechts mit leuchtendem Neon-Ornament. Diese edle, ferngesteuerte Fußgängerbrücke, man darf im Friedrichstadt-Palast gern sagen: diese Showtreppe aus der aktuellen Revueproduktion «Vivid» ist nicht dazu da, einen großen Auftritt zu ermöglichen. Den großen Auftritt hat die Brücke selbst. Das Ensemble, 27 Mitglieder der hauseigenen Balletttruppe, trottet hinter dem fahrbaren Monster her und versucht, unter ihm ein Lager aufzuschlagen.

Sie sind, was dieser Friedrichstadt-Palast noch nie hat zeigen wollen: Obdachlose. In dem Moment, als alle ihren Platz gefunden haben, setzt sich die Brücke wieder in Bewegung und raubt den Ärmsten ihren Schutz. 

Kaum ein anderes Bild markiert die Lage der Hauptstadt im Jahr 30 nach der Wiedervereinigung komischer als dieses Stück Theaterarchitektur, das autonom darüber zu bestimmen scheint, wer hier ein Dach über dem Kopf hat und wer nicht. Fabian Hinrichs, der Schauspieler, Alter Ego des Autors und Regisseurs René Pollesch, lädt unter der Brücke die Tänzerinnen und Tänzer zu einem Sit-in. Ein Chorführer und sein Chor. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz November 2019
Rubrik: Friedrichstadt-Palast, Seite 4
von Arnd Wesemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bausch Editions: Palermo Palermo

Der Verleger Rudolf Rach war lange Zeit ein umsichtiger Sachwalter, was die Filmrechte der Choreografin Pina Bausch betraf. Vor ein paar Jahren hat die Pina Bausch Foundation in Wuppertal diese Aufgabe übernommen. Pünktlich im 10. Todesjahr der Tanztheater-Doyenne startet sie nun die «Pina Bausch Editions». Als Erstes ist «Palermo Palermo» an der Reihe. Aufnahmen...

Abschied: Bernd Dreyer

Er war ein echtes Berliner Kind, der am 5. September 1946 geborene Bernd Dreyer. Und ein geborener Tänzer. Von 1961 bis 1966 besuchte er die Staatliche Ballettschule Berlin, damals noch in der Niederlagstraße. Nach einjährigem Zusatzstudium an der Waganowa-Akademie im einstigen Leningrad ging er 1967 ins Ballett der Deutschen Staatsoper, gewann 1973 beim...

Unbändiger Geist

Sie ist eine Baumeisterin, eine Architektin von Raum und Zeit, die von der Pike auf gelernt hat, wie man einen Tanzabend konstruiert. Immer war sie mit Haut und Haar in den kreativen Prozess involviert, zuerst als Tänzerin, dann als Choreografin und, im letzten Jahrzehnt, als Artistic Director. Heute konzentriert sie sich mit Leidenschaft darauf, die Entwicklung...