Eitelkeit
Muss sich ein Künstler die Frage stellen, ob er eitel ist, oder sogar zu eitel? Ein Künstler ist immer auf der Suche nach der eigenen Identität. Doch im Ballettsaal, umgeben von Spiegeln – großen Spiegeln, solchen denen man nicht entrinnen kann – und umringt von jungen, schönen Tänzern, geht es vor allem um Perfektion. Aber auch um Einklang mit sich selbst. Unter diesen Umständen ist es schwierig, sich nicht mit seinem Spiegelbild, seinem Äußeren, der Attraktivität und deren Wirkung auseinanderzusetzen.
Im klassischen Ballett geht es meist um körperliche Grenzen und darum, diese Schritt für Schritt auszuweiten, die Räume dahinter zu öffnen, sie begehbar zu machen. Das hat immer mit Ehrgeiz zu tun. Folgt daraus nicht automatisch der Drang, sich auch äußerlich zu optimieren, sich sozusagen konkurrenzfähig zu machen, das Beste rauszuholen, die Möglichkeiten voll auszuschöpfen? Dem Ballett wird oft Oberflächlichkeit vorgeworfen. Aber die Schönheit und Strahlkraft einer Julia ist ohne einen unwiderstehlich charmanten Romeo nicht denkbar – und umgekehrt. Das gilt nicht nur im Tanz. Auch im Theater, im Film wird man lange nach einem Romeo mit Haarausfall oder einer Julia mit Mischhaut ...
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Tanz Mai 2017
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Michael Banzhaf
Die Nachricht vom Tod der großen alten Dame des postmodernen Tanzes am 18. März 2017 in San Antonio/Texas, nur wenige Monate nach ihrem 80. Geburtstag im November letzten Jahres, kam nicht ganz überraschend. Neben der Trauer über einen Abschied, der sich lange angekündigt hat, löste sie eine Bilderflut im Kopf aus. Eine Bilderflut, die einerseits die Traurigkeit...
Die einzige menschliche Gestalt, die uns die etwa 36 000 Jahre alten Zeichnungen im weitläufigen Höhlensystem von Chauvet in Südfrankreich überliefern, befindet sich in der letzten Kammer der Grotte. Es ist eine Frauenfigur, dargestellt vom Schamdreieck bis unter die Knie, wobei ihr rechtes Bein identisch ist mit dem einer Löwin, das linke fällt mit einer Lücke...
Helena Waldmann weist mit dem Titel ihrer neuen Tanztheaterzirkuskreation «Gute Pässe Schlechte Pässe» auf die lebens- und bewegungsfreiheitsentscheidende Tatsache der Staatsangehörigkeit hin. Diese wird durch den Staat attestiert und per Pass dokumentiert, also von einer unsichtbaren Autorität. Auch in Waldmanns Theater regiert eine unsichtbare Macht. Sie stellt...
