Ambivalenzen
Die Anfrage für einen Beitrag zu diesem Jahrbuch erreichte mich mit dem Arbeitstitel: «Queer Pride – Tanz als Befreiungsbooster». Sofort entstehen Bilder im Kopf: CSD, Regenbogenflaggen, kollektive Euphorie, utopische Versprechen. Demgegenüber steht queeres Alltagsleben: Diskriminierung, Stigmatisierung und Widersprüche. Wie geht das zusammen? Ich frage in der tanz-Redaktion bei Dorion Weickmann an, was es mit dem Arbeitstitel auf sich hat.
Sie erzählt mir von der gerade gesehenen «Studio 54»-Inszenierung in Salzburg, die in die Zeit vor der AIDS-Epidemie eintaucht, als die Disco-Befreiung von den Fesseln der Konvention, als existenzielle Vielfalt mit Akzent auf Selbstverwirklichung, Eskapismus und Exzess gefeiert wurde. Ich verstehe den Gedanken, aber trotzdem …
Toxische Positivität
Ausgehend von dieser Begriffs-Diskrepanz suche ich das Gespräch mit Kompliz*innen. Telefonisch spreche ich mit Künstlerin Fia/ Sophia Neises, die pointiert festhält: «Wo Pride verlangt wird, ist Scham die Kehrseite.» Auch Dramaturg*in Valerie Wehrens verweist in einer Antwortmail auf die strukturelle Ebene: «Solange queere Ästhetiken auf der Bühne nicht mit antihegemonialen Strukturen in den ...
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Tanz Jahrbuch 2026
Rubrik: Komplizen, Seite 70
von Thusnelda Marín Jungmann
Laut der Datenbank des japanischen «Tanzjahrbuchs» fanden im Jahr 2025 allein in Tokio 1860 Tanzvorstellungen statt, zeitgenössischer Tanz und sonstige Performance-Produktionen machen über 75 Prozent davon aus. Charakteristisch für die heutige Szene sind Tänzer*innen und Choreograf*innen, die alltägliche Körpererfahrungen mit gesellschaftlichen Ereignissen...
Eine Tendenz, die sich seit Jahren fortsetzt: Die herausstechende Einzelleistung, die sich prämieren lässt, bildet sich in den Umfragen seltener ab. Was einerseits daran liegt, dass Tanzkritiker*innen in Zeiten schmalerer Budgets weniger on tour sind, ihre Eindrücke eher im Regionalen gewinnen oder aus Festivalprogrammen mitnehmen. Zugleich ist unsere Erhebung eben...
Zwei Stunden komplett aus der Welt herausfallen? Kriege, Krisen und Konflikte wegblenden, abschalten, ausknipsen? Mit 70000 Fans im Berliner Olympiastadion abwechselnd auf einen Bühnenwinzling und zwei Riesenscreens starren, während die Füße wehrlos mittanzen – geht das? Ist das erlaubt, legitim und vertretbar angesichts einer Gegenwart, die ziemlich ungebremst auf...
