Adolphe Binder

Internationales Netzwerk, reichlich Erfahrung, Gespür für Problemlagen, Wagemut und Neugier – die Frau bringt alles mit, was in der Chefetage gefragt ist. Das wird sie auch brauchen, um sich an der Spitze des Wuppertaler Tanztheaters zu behaupten

Die Frau im weißen Anzug ist mir damals sofort aufgefallen. Sie stand im Foyer der Deutschen Oper Berlin. Es muss Mitte der 1990er-Jahre gewesen sein. Und plauderte. Welche junge Frau zeigte sich damals schon in einem weißen Anzug? Das Premierenpublikum in der Bismarckstraße trug entweder schwarz oder aus der Mode gekommene Abendkleider garniert mit Fettpolstern. Die schwarze Mähne brachte den hellen, mit blassen Sommersprossen gesprenkelten Teint der schlanken Frau noch mehr zur Geltung. Eine lässige, aparte Erscheinung.

Sie wirkte entspannt, offen – parkettsicher. Adolphe Binder fiel einfach auf und tat damals das, was sie bis heute mit Leidenschaft tut: mit Menschen reden, über Tanz reden. Zwei Männer haben sie vom Schauspiel zum Tanz gelotst. Der eine war der Ballettkritiker Hartmut Regitz, damals Redakteur der Zeitschrift «ballettanz», den sie während einer Tätigkeit im Friedrich Berlin Verlag dort kennenlernte. Der andere war der Stuttgarter Ballettstar Richard Cragun, der 1996 als Ballettdirektor nach Berlin wechselte und sie als Dramaturgin engagierte.

In die Tiefe bohren – und Scheitern riskieren

Sie stürzte sich in die Arbeit – das tut Adolphe Binder immer. Über die Jahre haben sie die vielen Begegnungen mit Tänzerinnen und Choreografen, die Verhandlungen mit Tanzveranstaltern und Geschäftsführern, die Auseinandersetzungen mit Verwaltungsbeamten und Politikern, schlechte Kritiken, die Stunden in langweiligen Aufführungen, auf Flughäfen, nicht müde werden lassen. Was sie antreibt? Der Tanz, die Kunst und die feste Überzeugung, dass Aufgeben keine Option ist. Hindernisse spornen sie an. Ja, sie ist ehrgeizig. Sie muss Herausforderungen lieben, wie sonst hätte sie «ja» sagen können, als sie gefragt wurde, ob sie als Intendantin das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch künstlerisch leiten will? Wuppertal! Pina Bausch! In die Fußstapfen der großen, verehrten, ja angebeteten Pina Bausch treten? Mit diesem weltweit gefeierten, geliebten Œuvre in Zukunft umgehen. Neues für die Kompanie und mit ihr entwickeln ... Nein, das hat sie gleich zu Beginn klargestellt: Sie tritt nicht in die Fußstapfen von Pina Bausch. Wie vermessen wäre das denn? Adolphe Binder ist keine Tänzerin, keine Choreografin. Sie war und bleibt Scout, Managerin, Politikerin, Anregerin und Begleiterin künstlerischer Prozesse. Sie braucht «partners in crime», die wie sie etwas bewegen wollen. Sie kennt große Häuser, Off-Bühnen, Festivals, Tanzstudios, Büros von XS- bis XL-Format und alles, was sich dazwischen abspielt. Sie weiß, dass Tänzerinnen und Tänzer viel Vertrauen und Zuwendung brauchen und Choreografen sich manchmal verlaufen. Die interkulturelle Geschäftsordnung der globalen Tanzwelt beherrscht sie aus dem Effeff. Ob «Expo 2000» in Hannover, Haus der Kulturen der Welt in Berlin, The Place in London, Komische Oper in Berlin oder Opernhaus in Göteborg –, egal wo Adolphe Binder gerade wirbelt: Immer geht es um Menschen, um das Gespräch mit ihnen und die Orte, ihre Geschichte, ihre «Seele». Tiefenbohrung gehört zu Binders Arbeitsmethoden. Sie will Bescheid wissen, lässt sich mit Haut und Haaren auf die Künstler, auf die Kunst ein. Scheitern inbegriffen.

Als das wiedervereinte Berlin über Nacht drei Ballettkompanien hatte und sparen musste, versprach Gerhard Brunner mit der Idee des «BerlinBallett» allen eine Zukunft. Adolphe Binder übernahm mit der spanischen Choreografin Blanca Li 2001 das Ballett der Komischen Oper und stand überraschend schnell ohne sie da. Blanca Li hatte Berlin, enttäuscht über die mangelnde Unterstützung der lokalen Kulturpolitik, kurz entschlossen verlassen. Binder wollte nicht aufgeben, kämpfte um den Erhalt des Ensembles – ohne Erfolg. 2004 war Schluss mit dem Ballett an der Komischen Oper. Eine herbe Erfahrung. Zumal sie erkennen musste, dass sie gar keine reale Chance gehabt hatte, denn die Würfel waren woanders längst gefallen. Was tun? Ihre Energie auf keinen Fall gleich wieder in eine Institution investieren. Binder unternahm eine Weltreise und machte sich mit einer Agentur selbstständig. 2011 ließ sie sich an das Opernhaus Göteborg locken, denn hier bekam sie die Freiheit, aus einer klassischen Ballettkompanie ein modernes Ensemble zu entwickeln.

Die Kunst des Loslassens

Sie setzte auf Uraufführungen, holte beispielsweise Sidi Larbi Cherkaoui, Richard Siegal, Sharon Eyal, Saburo Teshigawara. Sie arbeitete Tag und Nacht und schaffte es, die GöteborgsOperans Danskompani international ins Gespräch zu bringen. Die Truppe tourte, Adolphe Binder wurde wieder wahrgenommen. Ein schöner Erfolg. Der hat ihr gutgetan, aber sich damit groß brüsten? Nein, das liegt ihr nicht so. Unermüdlich? Ja, aber sie hat sich auch immer wieder Auszeiten gegönnt, Luft geholt. Trotz der vielen Arbeit entspannt bleiben, im Zweifel loslassen können, das gelingt Adolphe Binder erstaunlich gut. Selbst wenn sie müde ist, bleibt sie wach. Aber ist dann auch ganz schnell weg ... sie weiß, was sie will und braucht. Sie kann ungeduldig werden, fordernd. Das gefällt natürlich nicht allen. Die hämischen Kommentare, die ihre Berufung nach Wuppertal provozierten, hält sie sich so weit wie möglich vom Leib. Keine aus dem Wuppertaler Dunstkreis, hieß es da etwa ... was weiß die denn schon? Binder wurde als «Salesmanagerin» in der Wuppertaler «Kulturtourismusstadtmarketingexportschlagerwelt» willkommen geheißen. Als wäre es so billig. Die Verantwortlichen in Wuppertal haben natürlich eine Person gesucht, die mit allen Wassern des internationalen Tanzgeschäfts gewaschen ist. Schließlich muss die eigenständige GmbH mehr als ein Drittel Eigeneinnahmen generieren. Kein Pappenstiel. Für den Posten musste eine Persönlichkeit gefunden werden, die einerseits mit wichtigen zeitgenössischen Choreografinnen und Choreografen gearbeitet hat und andererseits die Verantwortung für das Erbe von Pina Bausch und die Zukunft ihres Wuppertaler Tanztheaters übernimmt.

Adolphe Binder bringt ein riesiges Netzwerk und viele Erfahrungen mit. Sie wurde vom Beirat einstimmig gewählt und voller Begeisterung der Öffentlichkeit präsentiert. Sie hat in der ihr eigenen unpräten­tiösen Art «danke» gesagt. Von Kronstadt, wo sie 1969 geboren wurde, nach Wuppertal. Dieses Reiseziel wäre ihr noch vor zwei Jahren gar nicht in den Sinn gekommen. Die Berufung ist eine Ehre, Anerkennung für ihre Arbeit. Und zugleich ein Himmelfahrtskommando. Es reicht ein Artikel, um Zweifel und Zwietracht zu säen. Das musste sie im vergangenen Jahr kurz vor Ende ihrer Amtszeit in Göteborg erleben. In der Lokalzeitung wurde ihr vorgeworfen, Tänzer gemobbt, ihrer Lebensgefährtin Aufträge zugeschustert zu haben. Das hat sie getroffen. Die Anschuldigungen wurden bis Wuppertal durchgestochen. Adolphe Binder ist nicht naiv, hat in Berlin viel Lehrgeld bezahlt, aber das, das war dann doch eine besonders ekelhafte Geschichte. Wer der Urheber dieser üblen Nachrede gewesen ist? Darüber verliert sie kein Wort. Selbst nachtreten – nein, das kommt nicht infrage. ­Adolphe Binder kann viel aushalten. Das wird sie – im Zweifel – auch in Wuppertal müssen.

Einmal mehr Start aus der Außenseiterposition

Natürlich wird sie Fehler machen, sagt sie. Sie wünscht sich nur, dass sie in Wuppertal nicht so viel kämpfen muss wie in der Vergangenheit. Denn Veränderung, Aufbruch fordern, ist in der Theorie schön, in der Praxis komplizierter und nicht für alle schön. Das weiß Adolphe Binder und hat ihre Augen und Ohren in den vergangenen Monaten erst einmal auf Empfang gestellt. Hinter dem Erbe von Pina Bausch stecken Hunderte von Menschen, die in den 36 Jahren mit der Choreografin gearbeitet haben, und die Pina Bausch Foundation, die ihren Nachlass und die Urheberrechte verwaltet. Alle wollen zu Wort kommen, beachtet werden. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Vorurteile müssen ausgeräumt werden. Wieder einmal startet Adolphe Binder aus der Position der Außenseiterin. So wie 1978, als ihre Familie von Rumänien in das vermeintliche Paradies, nach Deutschland, zog, das sich sehr bald als wenig paradiesisch erwies. Sie hat früh erfahren, was es heißt, die Fremde zu sein. Rührt daher ihre grundsätzliche Haltung, Lösungen finden zu wollen? Beobachten, mitdenken, weiterdenken, im Zweifel die Denkrichtung ändern, so geht das bei ihr.

Fenster und Türen weit öffnen

Adolphe Binder wird in Wuppertal weiterentwickeln, was sie in Göteborg erfolgreich ausprobiert hat: künstlerische Prozesse initiieren und begleiten, neue Formate auf den Weg bringen. Die Fenster und Türen weit öffnen – hoffentlich noch vor 2022 im neuen Pina-Bausch-Zentrum, der geplanten eigenen Spiel- und Produktionsstätte für das Tanztheater Wuppertal. Diese Aussicht war für sie ein entscheidendes Kriterium, «ja» zu sagen. Seit ein paar Monaten «verschlingt» sie das Werk von Pina Bausch, schaut sich alle Aufführungen ihrer Stücke so oft wie möglich an. Tiefenbohrung im künstlerischen Zentrum des Tanztheaters Wuppertal. Denn machen wir uns nichts vor: Alle werden im Theater sitzen und nach Pina Bausch suchen, ihrem «spirit». Kaum jemand wird daran zurückdenken, dass die Meisterin in den ersten Jahren in Wuppertal beschimpft, ausgebuht, angefeindet wurde. Was sie auf die Bühne brachte, war sehr ungewohnt, eine völlig neue Art des Tanztheaters. Diese Kraft, davon ist Adolphe Binder überzeugt, steckt noch heute in den Arbeiten von Pina Bausch. Vielleicht nicht in allen, aber das herauszufinden, hat sie sich vorgenommen. «Arien», das Stück von 1979, ist für sie so ein Werk, und sie hat die Überlegung, es neu einzustudieren, vehement unterstützt. Nach der Wiederaufführung am 18. Mai fühlt sie sich bestätigt.

Die Gegenwart zum Tanzen bringen

Und noch etwas treibt sie um. Was würde eine junge Pina Bausch heute ausprobieren, was verwerfen, einfach links liegenlassen? «Das Fragen hört nicht auf, und die Suche hört nicht auf. Es liegt etwas Endloses darin, und das ist das Schöne daran.» Das ist das Vermächtnis von Pina Bausch und eine wunderbare Regieanweisung für die Zukunft.

Sidi Larbi Cherkaoui, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Choreografen, sagte in einem Interview, wenn eine es schafft, diese schwere Aufgabe zu meistern, dann sei es Adolphe Binder. Bis 2022 hat sie Zeit, ihren Platz im Pina-Bausch-Kosmos zu finden und neue Geschichten von Menschen auf die Bühne zu bringen, die mit den alten Hand in Hand die Gegenwart zum Tanzen bringen.

www.pina-bausch.de


Tanztheater Wuppertal: Die Pläne

Adolphe Binder hat übernommen – und für ihre erste Spielzeit am Tanztheater Wuppertal eine kluge Strategie vorgelegt: Das Erbe bewahren und gleichzeitig die zeitgenössische Kunst entdecken. Denn als Pina die Große 1973 mit ihrem Ensemble die Welt verwirrte, wagte auch sie sich auf Neuland. An diese Tradition will die 48-jährige Kulturmanagerin und Kuratorin anknüpfen – acht Jahre nach dem Tod der Wuppertaler Weltautorität.

So kreieren die Avantgardisten Dimitris Papaioannou und Alan Lucien Øyen, beide interdisziplinäre Künstler, jeweils eine abendfüllende Uraufführung im Frühjahr 2018 für das 37-köpfige, deutlich verjüngte Ensemble. Der Grieche, Maler und Choreograf ist bekannt für seine traumartigen, absurden Zirkusuniversen. Der Norweger, ein Theater-, Tanz- und Filmkünstler, gilt als hochemotional und dramatisch.

Aus dem Pina-Œeuvre werden unterschiedliche Schaffensphasen gezeigt. In Wuppertal kommen «Die sieben Todsünden» (1976) als Neueinstudierung heraus, außerdem werden «Masurca Fogo» (1998) und «1980» (1980) wieder aufpoliert. Tourneen führen die Binder-Bausch-Kompanie nach New York, Antwerpen, Taipeh und Paris.

Die neue Intendantin hat die nachwachsenden Generationen im Blick, geht bei der Publikumsbildung zeitgeistige Wege: Workshops für Profis und Laien, Teilhabe an künstlerischen Prozessen, interdisziplinäre Foren sowie ein Kinder- und Jugendprogramm wird es künftig auch in Wuppertal geben.
Bettina Trouwborst


Tanz Juli 2017
Rubrik: Menschen, Seite 32
von Claudia Henne