wien: jan lauwers «marketplace 76»
In der klassischen Tragödie mag der Schmerz noch ein großes, edles Gefühl gewesen sein. In Wahrheit aber macht jeder Kummer klein und gemein – so Jan Lauwers‘ Erkenntnis in seiner neuen Produktion «Marketplace 76». Auf seinem «Marktplatz» prangt ein hässliches quadratisches Loch. Einst sprudelte hier ein «Fons Amoris», wie dem Zuschauer zunächst berichtet wird.
Doch der «Brunnen der Liebe» ist längst versiegt, denn der Marktplatz wurde zum Schauplatz eines schrecklichen Unfalls, der das gesamte Dorf traumatisiert hat: Vor zwei Jahren explodierte hier eine Gasflasche und tötete 24 Menschen, darunter viele Kinder.
Zurück blieben physische wie psychische Krüppel, auf deren angeschlagene Gemüter Jan Lauwers nun Graus auf Graus häuft: Inzest, mehrere Selbstmorde, darunter den eines Kindes, und Mord. Vor allem aber einen Kindesmissbrauch, der – schlimmer noch als jeder Tod – die Gesellschaft endgültig brutalisiert. Titelgebende 76 Tage lang wird ein junges Mädchen in den Katakomben unter dem Liebesbrunnen vom Dorfklempner gequält. Unverkennbar erinnert der Belgier Jan Lauwers an den Fall Dutroux – Verbrechen in Serie, die sein Heimatland bis heute verstören, weil weder Hintergründe noch ...
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Tanz Oktober 2012
Rubrik: kalender und kritik, Seite 52
von Nicole Strecker
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