Wiedersehen
Schon erstaunlich. Das Publikum im Wiener Opernhaus erhebt sich und applaudiert, minutenlang. Die Tänzer*innen wirken gelöst, ebenso der Choreograf. Vermutlich hat niemand damit gerechnet, dass der Schlussakkord zu einer veritablen Umarmung wird. Zu einem Tribut an Martin Schläpfer, der 2020 die Leitung des Wiener Staatsballetts übernahm – mitten in der Pandemie. Zu einer Reverenz an seine Kompanie, die den Begriff «Vielfalt» künstlerisch belebt und inhaltlich gelebt hat. Und dennoch blieb die Beziehung zu Wien volatil, brüchig, fragil.
Weil Schläpfer kein Mann fürs Showbiz à la Opernball, für edelluxuriöse Klassiker-Revivals und tänzerische Linienführung entlang streng akademischer Standards ist, sein Vorgänger Manuel Legris eignet sich dafür besser. Seine Nachfolgerin Alessandra Ferri mutmaßlich auch.
Doppelnatur des Balletts
Die Frau trägt ein geflammtes Kleid. Lichtes Weiß erstrahlt allein aus der Mitte, nach oben und unten scheint der Stoff wie mit Blut getränkt. Ihre Füße stecken in einfachen Schläppchen, während sie die Spitzenschuhe als Waffe gebraucht – auch gegen sich selbst. An den Fesselbändern wird das Kunstwerkzeug durch die Luft geschleudert, saust wie das ...
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Tanz 2025
Rubrik: Produktionen, Seite 16
von Dorion Weickmann
MANUEL LIÑÁN
Mutter und Sohn spazieren durch Grenada: «Ich weiß noch, wie Du Dir das Tuch umgelegt hast als wären es lange Haare.» Der Vater kommt? Schnell weg damit! «Ich habe von klein auf gelernt, dass Männer und Frauen sich unterschiedlich bewegen», sagt Manuel Liñán, einer der berühmtesten Tänzer Spaniens und eine Ikone (nicht nur) der queeren Szene. Denn er...
Hier hat die Frau die Hosen an. Obwohl sie noch nicht einmal einen Namen besitzt. Sie ist einfach nur Lady Macbeth. Die Böse schlechthin, so wird sie – einer Disney-Schurkin nicht unähnlich – eingeführt: mit einem rot sich bauschenden Segel im Rücken, dazu rudernden Armen auf einem Ausguck. Dieser erste Auftritt ist freilich schon der spektakulärste Moment im...
Sie hatten beim Intendanzwechsel am Tiroler Landestheater vor eineinhalb Jahren zweifelsohne den schwierigsten Einstand: Marcel Leemann und Stefan Späti, das neue Leitungsduo der Sparte Tanz. Gab es davor ja einen regelrechten Fan-Aufstand, weil Langzeit-Tanzchef Enrique Gasa Valga seinen Sessel räumen musste. Umso erstaunlicher, in welch kurzer Zeit das Duo die...
