Verwandlung

Die Sehnsucht nach Nähe bleibt, allen Distanzgeboten zum Trotz. Der Tango Argentino eröffnet ihr einen Raum – eigengesetzlich und doch im Rahmen der gesellschaftlichen Ordnung.

Wie zerbrechlich sind Selbstverständlichkeiten! Die Verbreitung von COVID-19 und die dagegen verordneten Maßnahmen wie social und physical distancing haben uns die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen ins Bewusstsein gerufen. Ihr Zerfall würde den gesellschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Verändert sich eine Gesellschaft, verschieben sich auch die Grenzen ihrer Ordnungsprinzipien, und vice versa. Wir erleben gerade solche Veränderungen und lernen uns als Gesellschaft neu kennen. Das gegenwärtig gelebte Ordnungsprinzip beruft sich auf Distanz.

Was geschieht nun mit sozialen Praktiken, die von Nähe als Grundprinzip leben – wie zum Beispiel der Tango Argentino? Ihm sind Umarmung und Berührung essenziell. Die Wissenschaften haben ihn längst für sich entdeckt: Studien aus Neurologie, Endokrinologie und Psychologie belegen seine therapeutische Wirkung in bestimmten Zusammenhängen. Mir geht es dagegen um Tango Argentino als ästhetische Ausdrucksform soziokultureller Kommunikation. Von dieser Warte betrachtet, repräsentiert der Tango eine Gesellschaft, wie sie (nicht) ist oder (nicht) sein sollte. Er gestaltet einen Raum, der die Erfahrungen einer anderen Ordnung als der ...

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Tanz Februar 2021
Rubrik: Tango, Seite 48
von Hamid Tafazoli

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