Demokratisch denken
«Heute früh stand ich auf meinem Balkon», erzählt Antoine Jully mit dem charmanten, überakzentuierten Englisch des französischen Muttersprachlers. «Und ich fragte mich: Werden wir wohl über Konservatismus reden oder nicht?» Der Konservatismus treibt den Choreografen um, so sehr, dass er sich schon vor dem Interview sorgt, ob das wohl ein Thema wird.
Klar: Als Jully vor sieben Jahren die Tanzsparte am Staatstheater Oldenburg übernahm, jubelte die Lokalpresse, dass die Stadt endlich wieder eine klassische Ballettkompanie bekäme, nach den zeitgenössischen (und überregional gefeierten) Experimenten seines Vorgängers Honne Dohrmann. Und so sah sich Jully in eine Rolle gedrängt, in die er nur zum Teil passt: in die des Traditionalisten und Bewahrers.
Richtig ist, dass Jully tatsächlich bewahrt. «Ich weiß nicht, ob ich ein kompletter Konservativer bin», beschreibt sich der heute 42-Jährige, «aber ich habe natürlich eine Vergangenheit, die ich nicht vollständig verwerfen kann.» Und diese Vergangenheit heißt: Neoklassik. Geboren wurde Jully in Paris in eine kunstnahe Familie, eine Cousine war Tänzerin an der Pariser Oper. Als Vierjähriger begann er, Tanzstunden zu nehmen, ausgebildet wurde ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Februar 2021
Rubrik: Menschen, Seite 18
von Falk Schreiber
Sind Sie fantasiebegabt, Herr Neef? Hätten Sie sich noch widrigere Begleitumstände für Ihren Amtsantritt ausmalen können?
Imagination zu besitzen, ist fast schon eine Überlebensbedingung in der gegenwärtigen Situation. Aber man kann sich nicht aussuchen, unter welchen Umständen man eine neue Arbeitsstelle antritt. Zudem hat jeder Theaterleiter auf der Welt zurzeit...
«Am Anfang dachten wir, es ist vorübergehend», heißt es in dem Film, der es nicht mehr geschafft hat, rechtzeitig ins Kino zu kommen: «die geschlossenen Schulen, die leeren Supermärkte, die Kontrolle, die Angst, die Konzerte ohne Publikum.»
Kein Hund wagt sich mehr auf die hell erleuchteten Straßen. Verboten sind alle Versammlungen mit über 20 Teilnehmern. Und wenn...
monte carlo
bmc stream
In Corona-Zeiten wird Tanz zum medialen Laboratorium. Die Ballets de Monte-Carlo haben nun zwei Stücke von Jean-Christophe Maillot auf ihre neue digitale Plattform gehoben: das eher klassizistische «Dov’è la luna» und das aufbrausende, von Tarantellamelodien getriebene «Core meu» mit Livemusik. Das Besondere: Wer die Aufzeichnung aufruft,...
