Unter Adlern
Nach Jahrzehnten als Tänzer und Ballettdirektor haben Sie die Abgeschiedenheit der Berge gesucht. Wo treffe ich Sie an?
Ich bin in der Schweiz. Ich liege zuhause auf einer Corbusier-Chaiselongue, die ich mir mal geleistet habe, als ich noch ein Salär hatte, und schaue durch eine Glastür auf den «Uomo». Das ist der Berg gegenüber von meinem Häuschen.
Sie leben im Tessin, im Val Lavizzara auf 1200 Metern Höhe.
Wie geht es Ihnen heute, nach einem Jahr ohne Tanz, ohne übervollen Terminkalender und ohne Medien?
Es geht mir hervorragend! Im Sommer gab es viel Besuch aus meinem beruflichen Umfeld, was natürlich sehr schön ist. Aber da verliere ich immer ein bisschen meinen Alltag und mein Zuhause. Ich merke jetzt, dass die Spielzeit wieder begonnen hat. Herbst und Winter waren total stimmig für mich. Der Frühling hier ist grimmig und rau. Ich bin dann innerlich unruhig. Also – mir geht‘s sehr gut ohne all diese Dinge.
Sie waren zuletzt Direktor des Wiener Staatsballetts. Konnten Sie den Trubel der vergangenen Jahre hinter sich lassen?
Was ich denke und fühle, was in mir arbeitet, ist viel roher als früher. Nichts ist mehr überdeckt. Es braucht schon mindestens ein Jahr, bis das, was vorher war – das enorme Pensum, die Verantwortung, der Druck von außen und auch von mir selber –, in den Hintergrund rückt. Anfangs war es einfach, es war wie Ferien. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich viel mehr Gefühle habe, viel mehr Erinnerungen. Ich habe wieder Träume. Dabei ist auch das Schöne offensichtlicher geworden. Das Sensible, das Denken an Menschen. Das ist super. Aber eben auch das, was schmerzt. Ich hab immer gedacht, im Beruf kann mich nichts umhauen. Jetzt bin ich viel fragiler als noch vor einem Jahr.
Wie wirkt sich das aus?
Ich spüre meine Gefühle wieder so intensiv wie als Kind. Sie beeinflussen mein Wohlbefinden so stark wie das Wetter hier oben: von Verängstigen bis liebevoll Umarmen. Manchmal empfinde ich auch Einsamkeit. Ich war immer einsam im Beruf. Die Chefposition macht dich einsam. Weil du primär da bist, um Ballette zu kreieren, Probleme zu lösen und zu dirigieren. Jetzt erlebe ich, der ich immer dachte, ich könnte problemlos abgeschieden leben, auch hier ein Auf und Ab. Es ist nicht jeder Tag gut. Aber grundsätzlich geht es mir blendend.
Und wenn Sie jemand zurück in den Theaterbetrieb holen wollte?
Ich würde ihm antworten, dass ich froh bin, dass ich das nicht muss. Die Direktion mit der zusätzlichen Belastung des Kreierens – da bin ich einfach sehr dankbar, dass ich jetzt leben lernen kann. Es wäre etwas anderes, wenn es um den Ballettsaal geht. Wenn ein Angebot käme, das mich anspricht, im Sinne von genug Probezeit, wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde.
Wie sieht heute Ihr Alltag aus?
Ich bin heute Morgen um sieben Uhr aufgestanden. Mein Hund fand, ich hätte genug geschlafen. Mein Schlaf ist ja durchstanzt. Das liegt daran, dass meine beiden Katzen nachts raus wollen. Das Weibchen will mehrmals rein und raus. Das hört man natürlich – es ist ja ein kleines Häuschen.
Ihre Tiere sind nicht gerade Haustiere …
Bei den Katzen habe ich geschaut, dass es eine sehr athletische Rasse ist, weil es hier oben sehr wild ist. Es gibt Adler, Füchse und Wölfe. Vor allem bei den Adlern könnte ich jetzt nicht mehr helfen. Im Frühling, als die Katzen noch klein waren, bin ich immer draußen gewesen. Im Übergang vom Winter zum Frühling kommen die Adler fast täglich tiefer runter hinterm Haus. Ich war wie ein Katzen-Hirte mit Stab. Jetzt sind sie groß, und ich muss sie loslassen. Der Kater geht sehr weit, er wurde schon im Dorf drüben gesehen. Sie haben einen großen genetischen Abessinier-Anteil, eine Ur-Rasse. Der Hund ist ein Shiba Inu, ein japanischer Spitz. Das ist auch eine Ur-Rasse mit den meisten Wolfsgenen aller Hunderassen.
Zurück zum Alltag …
Ich habe einen strukturierten Tag für den Hund. Ich stehe auf und versorge die Tiere. Dann mach‘ ich mir einen Kaffee – damit beginnen wir eine Spielrunde. Mein Hund mag unglaublich gerne Bälle, weil er ein Jagdhund ist. Er fängt sie, wir spielen gerne Fußball. Draußen auf der Wiese geht es sehr ungestüm und körperlich zu. Dann, wenn ich ruhig in mir bin, mache ich meine Übungen, weil mein Körper das auch gerne hätte. Aber ich bin faul geworden. Ich denke, weil ich eh jeden Abend zwei, drei Stunden mit dem Hund gehe, brauche ich das nicht – was natürlich nicht stimmt. Dann setze ich mich an den Computer, damit ich nicht zu sehr ins Hintertreffen gerate, denn ich bin auch etwas schreibfaul geworden. Ja, dann geht‘s so weiter. Ich muss in den nächsten Ort rüber und hole meine Post. Es ist eigentlich nur ein Leben und Sein.
Wie kommen Sie dort oben an Ihre Lebensmittel?
Es ist über eine Stunde bis zum nächsten Geschäft. Noch lasse ich alles bringen, denn ich habe Angst, meinen Hund, der ja auch sehr schön ist, draußen anzubinden. Es fehlt mir schon ein bisschen, rauszukommen. Jetzt habe ich mir ein elektrisches Mini-Auto mit maximal 45 km/h zugelegt, einen Citroën Ami. Noch fehlt mir der Führerschein. Ich muss die gleiche Prüfung machen wie für einen Traktor. Die Theorieprüfung habe ich schon bestanden! Allerdings habe ich Fehler gemacht und hatte fast keine Freude, weil ich immer noch dieses perfektionistische Wesen bin. Jetzt übe ich für die praktische Prüfung.
Vermissen Sie etwas?
… vielleicht vermisse ich dieses Kreative im Ballettsaal, the challenge of the mind – aber nicht auf täglicher Basis. Das Ringen um Exzellenz. Begegnungen mit gewissen Menschen und Gespräche. Das könnte sein. Und auch wieder nicht. Weil hier oben so viel Substanz ist, so viel zu lernen. Weil einfach nur leben, ohne Spuren zu hinterlassen, auch mal genügen sollte. Für mich, der ich seit meiner Jugend in diesem Beruf gewühlt, gekrampft und Blut gegeben habe, ist das schon eine Lektion. Ich hinterlasse zurzeit keine Spuren. Das hier ist das erste Interview, das ich gebe, seit ich weg bin.
Sie wollten schreiben in der Abgeschiedenheit der Natur …
Ja, ich dachte, ich würde zu schreiben beginnen. Aber ich habe überhaupt kein Bedürfnis, mich zu äußern. Mein Leben ist gesellschaftlich völlig unbedeutend geworden.
Wie schmerzhaft oder wohltuend ist der Verlust an Bedeutung?
Es war erholsam, nicht mehr dieser Schläpfer sein zu müssen. Dass man ein Thema ist, dass sich die Medien nach einem erkundigen, die Komplimente wie die Dresche, das Hochgefühl nach einer guten Probe – es ist schon nicht ohne. Natürlich ist es auch sehr nährend, wenn man beachtet wird, wenn man jemand ist, wenn die Menschen nach einer Premiere beglückt sind. Da ist das Blatt jetzt relativ leer. Aber ich bin jetzt zufriedener, dankbarer und unbeschwerter als früher.
So leer ist das Blatt gar nicht. Sie erhalten im März 2027 den «Deutschen Tanzpreis» für Ihr Lebenswerk. Wie passt eine solche Ehrung in dieses neue Leben?
Ich war sehr erstaunt und habe mich natürlich gefreut. Vor allem, weil ich längst aus Deutschland weg war und jetzt aufgehört habe. Eine Ehrung fürs Lebenswerk hat ja auch so einen finalen Touch. Aber das ist ja nicht so. Ich fühle mich wieder in der Kraft, bin wieder ganz der Alte. Ich hoffe, dass es mir gelingt, ein gutes Programm auf die Beine zu stellen – das ist ja eine Herausforderung. Will man das Lebenswerk zeigen? Viele kleine Splitter? Das finde ich eigentlich blöd, ich denke, ich werde lieber in ein Stück eintauchen. Ich möchte eine Qualität herstellen, die etwas mit mir und meiner eigensinnigen Kunst zu tun hat.
Mit welchem Ensemble arbeiten Sie?
Die Tänzer und Tänzerinnen sind aus meinem Teig.
Ihrem Teig?
Es sind alles meine Tänzer, alles Schläpfer-Tänzer. Ich kann aber noch keine Namen nennen, weil noch nichts sicher ist.
Wie groß ist derzeit die Lust, ein neues Ballett zu choreografieren oder eine Arbeit einzustudieren?
Wenn ich eine Kreation machen könnte, die nicht das ganze Ensemble involviert, dann kann ich mir das vorstellen. In den letzten Jahren habe ich immer die großen Ballette für alle gemacht, weil die Gastchoreografen ja fast keine großen Besetzungen mehr haben wollen. Es wäre schon ein Traum von mir, einmal zu kreieren, ohne so viele Künstlerinnen und Künstler zu fördern und inspirieren zu müssen. Es ist ein unglaublicher Kraftakt. Was mich beschäftigt, ist, dass so viele gelungene Werke nur einmal gespielt wurden wie «Sinfonien», «Reformationssymphonie» oder «Forellenquintett». Insofern wäre eine Einstudierung etwas sehr Schönes. Wobei Wiederaufnahmen fast wie eine Kreation sind. Sie brauchen mindestens so viel Zuwendung, ein Überdenken, lange Probezeit, künstlerische und tanztechnische Analyse und Intensität, damit sie wieder glühen.
Wo wird Ihr Werk aufbewahrt?
Ein Teil, der gut digitalisiert werden konnte, liegt im Schweizer Tanzarchiv in Bern. Und ein Drittel meines Werks liegt auf Video in einem Kasten bei mir und wird zu Schnee. Die ganze Berner Zeit und ein Drittel der Mainzer Zeit. Irgendwie interessiert es niemanden wirklich, das zu digitalisieren. Ich kann und will das nicht finanzieren. Ich habe meine ganze Erbschaft und auch sonst Unsummen in den Tanz gesteckt. Dann wird es halt zu Schnee.
Wo sehen Sie sich an ihrem 70. Geburtstag?
Ei-jei-jei! Hier oben! Ich denke, nicht stark verändert. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht im Tessin zu wohnen. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich einen Direktorenposten annehme. Aber man weiß es nie.
Der Schweizer Martin Schläpfer wurde u. a. an der Royal Ballet School London ausgebildet, er tanzte in Basel und Kanada, gründete eine eigene Ballettschule. Ab 1994 leitete er die Compagnien in Bern, Mainz, Düsseldorf/Duisburg und Wien und führte sie – mit über 80 Uraufführungen – zu großen, international beachteten Erfolgen
Tanz November 2026
Rubrik: Menschen, Seite 28
von Bettina Trouwborst
Auditions
Das Hessische Staatsballett, Wiesbaden/Darmstadt
sucht erfahrene, vielseitige und leidenschaftliche Tänzerinnen und Tänzer (m/w/d)
Audition: Hessisches Staatstheater Wiesbaden, 10., 11. Januar 2027 Bewerbungsschluss: 30. November
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Fortbildung
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt
Bachelor in Dance
Registration: 15 November – 1...
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