Unsterblich
Wer will sich schon zu Lebzeiten vom Tod anrufen lassen und beginnen, aus seiner Perspektive zu denken und zu handeln? Die Vorstellung, dass sich das eigene Studio in eine Stiftung oder ein Archiv verwandelt, und das gesamte Schaffen mit all seinen Meisterwerken und Gelegenheitsarbeiten, mit all seinen Skizzen und E-Mails einmal als Nachlass verhandelt wird und in einem Depot landen soll, ist wohl für erfolgreiche Künstler*innen kein beflügelnder Gedanke. Ein Spezialfall ist das Erbe von Choreograf*innen. Es unterscheidet sich grundlegend von jeder materiellen Nachexistenz.
Es muss buchstäblich verkörpert und bewegt werden, sonst verschwindet es irgendwann aus unserem aktiven Bildergedächtnis. Um die Jahrtausendwende hat die UNESCO das Thema «Lebendiges Erbe» als eine der wichtigen, kulturellen Fragen unserer Zeit erkannt. Neben der analogen Fotografie, der Arbeit von Planetarien, Yoga in Indien und Geigenbau in Cremona hat es 2014 auch der Moderne Tanz in Deutschland auf die Liste für ephemeres Kulturerbe geschafft. Dieser offizielle Schutzstatus ist ein großer Schritt nach vorne, weil er das Bewusstsein schärft für notwendige Räume, Regeln und Rechte. Und trotzdem: Ein Blick in ...
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Tanz November 2025
Rubrik: Perspektiven, Seite 52
von Marietta Piekenbrock
«Brel», das ist ein Tanzabend, der im Wesentlichen auf einer Aneinanderreihung von Liedern des weltberühmten belgischen Chansonniers und Schauspielers Jacques Brel beruht – ziemlich ungewöhnlich für eine Arbeit von Anne Teresa De Keersmaeker. Ebenso ungewöhnlich wie der Umstand, dass die Choreografin, die im Oktober auch mit dem «Praemium Imperiale» (gehandelt als...
Ein Mann in weißer Jeans und weißoranger Trainingsjacke legt mühevoll die Strecke entlang der weißen Backsteinwand am hinteren Bühnenrand des Schauspielhauses Wien zurück. Seine Bewegungen schwanken zwischen sorgfältiger Körperbeherrschung, über die er dank jahrelangen Trainings sichtlich verfügt, und Loslassen – der Hingabe an die Gesetze von Trägheit und...
Newcomer
Amit Noy
Amit Noy weiß seine Wurzeln zu entflechten, und das allein ist beeindruckend. Noy kam in Hawaii zur Welt, als Sohn einer Mexikanerin und eines Israelis. Da ging es los: mit Hula. Als er zehn Jahre jung war, zog die Familie nach Neuseeland, wo Noy plötzlich jeden Montag zum israelischen Volkstanz ging. «Aber wir waren die einzigen Juden», lacht...
