Traumalbtrauma

Die Regierung Netanjahu hat den Staat Israel international in Bedrängnis gebracht. Und mit ihm: die Tanzszene. Die will ihre Kunst auch weiterhin in die Welt tragen. Zu Recht, findet Arnd Wesemann

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Was die zehn Künstlerinnen und Künstler da aufs Parkett schmettern, ist eine martialische Kriegserklärung an den Krieg: das von Annabelle Dvir initiierte wütende Austanzen eines kollektiven Traumas. Eine Tanzende liegt in ihrem «Radical Archive» am Boden. Ein Brett senkt sich auf sie nieder wie ein Sargdeckel. Man tanzt auf dieser Wippe, auf den Knochen einer Frau. Die Saiten der Gitarre illustrieren das Zermalmen. Ein durch Krieg zerrissenes Leben kennt keine Fantasie.

Alles ist kontaminiert von Angst und Schrecken in diesem Tanzspiel, das die Wut in der Enge der Bühne zum Kochen bringt. Und damit Delegationen von Tanzproduzierenden aus Europa, Asien, Afrika, Amerika erreichen möchte, die nach zwei Jahren erstmals wieder Gelegenheit haben, mitten in einem fragilen Waffenstillstand Israel zu besuchen. Um Tanz mit möglichst frischem Herstellungsdatum auf dem Festival «International Exposure» in Tel Aviv und gleich danach auch hier, auf der «Jerusalem International Dance Week» zu sehen, dessen Produzierende auf Tourneen hoffen.

Jerusalem ist – anders als das liberale Tel Aviv – kein Spaß, sondern fest in der Hand jener rechten Mehrheit, die sich um Benjamin Netanjahu schart. Dort, in einem ehemaligen Multiplex-Kino mit sieben Studios, dem Mash Dance House, seinerseits Teil eines Einkaufszentrums mit gähnendem Leerstand, sucht die aus Georgien emigrierte Choreografin Annabelle Dvir inmitten der Kriegsfronten nach dem Stoff, der nicht Palästina, sondern die Sparten sprengt. Mit Körpern wie in Ekstase, mit ihrer Liveband Women Of Sounds, die ihre Schlagzeugbatterie auf der Bühne so behandelt, als würde eine Artillerieeinheit in die Luft gesprengt.

Heilender Tanz
In so einer Einheit dient auch Noam Eldar, der in «Promised Land» des israelischen Choreografen Sharon Fridman tanzt, Tage zuvor aber noch Rakete um Rakete in die Abschussrampen an der Grenze zu Libanon wuchtete, anstatt im Ballettstudio zu trainieren. Das ist die Realität für Tanzende in Israel. Nur ausnahmsweise sind sie vom Militärdienst befreit, um anderen zu helfen. Wie Jasmine Kahn, die in «Crust» der Lior Tavori Dance Company dabei ist, in Tel Avivs Suzanne Dellal Centre. Sie erzählt, wie sie sonst unweit der Gedenkstätte des «Nova Festivals» im Süden Israels in den Hotels auftritt. Also dort, wo ganze Kibbuzim nach dem Morgen des 7. Oktober 2023 untergebracht wurden, nachdem die Hamas laut Amnesty International 251 Geiseln verschleppt und im Lauf des Überfalls mehr als 1200 Menschen getötet hatte. Kahn tanzt für und mit den Evakuierten und deren Traumata. Alle haben Menschen verloren, an der Front oder auf dem Festival. Jasmine Kahn erlebt, nach dem klösterlichen Frieden in der Kibbutz Contemporary Dance Company, nach der Gemeinschaft bei der Batsheva Dance Company, eine große Dankbarkeit, weil Menschen hier fühlen, wie ihr Körper durch Tanz heilt. Nur die Ursachen heilt er nicht, weder in Palästina noch in Israel. Zu Sabbat hält die Opposition auf dem Habima-Platz in Tel Aviv stumm die Bilder getöteter Kinder in Palästina so hoch, wie zuvor die Porträts der nach Gaza Entführten. In Israel herrscht drückendes Schweigen. Umschrieben mit: «There is an elephant in the room». Heißt: Man spricht nicht über ein so offensichtliches Problem.

In «ZŌ», dem jüngsten Werk des berühmten Ohad Naharin und der Batsheva Dance Company, bläst sich am Ende ein überlebensgroßer Elefant auf, der den Raum so füllt wie das verzweifelte Schweigen ganz Israel. Auch Hillel Kogan bemüht die Dickhäuter-Metapher und verlegt in seinem Stück «thisispain» (tanz 5/25) dieses Israel kurzerhand nach Spanien, erzählt von den dortigen Königen, die einst Krieg gegen Portugal führten. Alle wollten Portugal loswerden. Es reichen grundsätzliche Geografie-Kenntnisse, um auf der Landkarte Portugal mit Gaza zu verwechseln. Ja, das darf passieren, sagt Hillel Kogan, direkter geht es nicht, denn: «There is an elephant in the room».

Gescheiterte Integration
Kogan, der einst mit «We Love Arabs» Israels Scheitern der Integration arabischer Einwohner weltweit aufs Korn nahm, hat nun mit beißendem Humor und Scharfsinn seinem Körper den Flamenco antrainiert, nahm Unterricht bei Mijal Natan, der Flamenco-Instanz in Israel, die ihn für «thisispain» zu den Gitanos in Andalusien begleitet: einer Minderheit, die wie die jüdische Minorität durch ebenso radikale Anpassung wie Abgrenzung überlebt. Spanien einst ist Israel heute, natürlich. Und Israel hat einen neuen Helden: Hillel Kogan. Sogar ins Israel Museum gegenüber dem Parlament in Jerusalem darf er mit diesem Trick vor ein Publikum, das mit Kritik am eigenen Staat sonst eher wenig am Hut hat. Es ist begeistert.

www.suzannedellal.org; www.macholshalem.co.il


Tanz Februar 2026
Rubrik: Report, Seite 64
von Arnd Wesemann

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