Tanzen wie die Neuronen
Wolf Singer,
erzählt Ihnen William Forsythes Choreografie etwas über die Struktur unseres Wahrnehmens und Denkens? Ich denke schon. Charakteristisch ist in all seinen Inszenierungen die Parallelität der Ereignisse. Es passiert immer an vielen Orten gleichzeitig etwas, das sich selbst organisiert. Wenn man das Netzwerk der Bezüge anschaut – dazu braucht man allerdings eine Analyse, man müsste die Tänzer interviewen, um zu wissen, wann sie was machen –, dann wird deutlich, dass ein Geflecht entsteht wie im Gehirn auch.
Es gibt einerseits Wechselwirkungen zwischen direkten Nachbarn, daraus entsteht dann eine lokale Dynamik, die etwas initiiert. Zwei Tänzer sitzen zum Beispiel am Ende der Bühne und warten. Dann passiert etwas und triggert zum Beispiel bei einem Dritten in der Mitte der Bühne ein Verhalten, und wenn dieser in eine ganz bestimmte Phase seiner Bewegung kommt, singen die anderen zwei dazu. Das ist sehr weiträumig komponiert und hat viel Ähnlichkeit mit sozialen Systemen. Dort gibt es zahllose Verbindungen zwischen nächsten Nachbarn und Langstreckenverbindungen, wie z. B. Verwandte und Freunde, die am anderen Ende der Stadt wohnen, die man aber anrufen kann. Es gibt also ...
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Jaroslaw Jurasz
«Alexis Zorbas»
Unvergesslich die Schlusssequenz aus Michael Cacoyannis’ Film von 1964, in der Alexis Zorbas alias Anthony Quinn den Sirtaki tanzt. Alles hat er nach dem Zusammenbruch seiner Seilbahn verloren, nur nicht seine Lebensfreude. In Halberstadt dampft Jaroslaw Jurasz die 360 Seiten von Nikos Kazantzakis’ Roman auf ihren tanzbaren Extrakt...
Als «George Frederick Handel» am 14. April 1759 in seinem Haus an der 25 Brook Street in London starb, wurde er als Englands größter Komponist verehrt, obwohl gebürtiger Deutscher und hier nur adoptiert. Mit der Oper assoziierte man ihn überwiegend, da er deren Form lange in Italien studiert hatte, später mit seinen Oratorien. Ballett schrieb Händel nur eins.
Umso...
Ballett-Einlage
Es war eine ungeliebte Pflicht, die die Tänzer des Opernballetts an Stadt- und Staatstheatern an ihren Status im Kanon der Künste erinnerte. An ein Haus gekettet, künstlerisch mit wenigen Vorstellungen kurzgehalten, galten sie den Kollegen als hübsche Verfügungsmasse. Mussten antanzen zu «Einlagen» in Musical, Operette und Oper; obwohl deren...
