sun

Der Weg auf die Sonnenseite des Lebens ist mit Leichen gepflastert. Wer ihn geht, muss andere aus dem Weg räumen. Hofesh Shechters furiose Tanzattacke zeigt das Zentralgestirn als dunkle Macht

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Okay, genau eine halbe Stunde Zeit, also bloß kein Geplänkel: «Reden wir über Richard Wagner.» Hofesh Shechters Hände streichen über den lackierten Tisch, als müsse er erst mal Tabula rasa machen. Noch dämmert das Café in Londons Tanzhaus Sadler’s Wells hinter regennassen Fenstern vor sich hin. Dagegen wirkt der Choreograf putzmunter, geradezu aufgepeitscht. Am Vorabend hat er seine brandneue Produktion «SUN» erfolgreich über die Szene gejagt – «und wenn etwas in London einschlägt, ist das ein Gütesiegel.» Sagt’s, und krault sich den Dreitagebart.

Dann ein Seufzer: «Wagner ist so eine Sache, für alle Israelis. Ewiger Quell des Schreckens, ewiger Feind, ewiges Faszinosum. Eigentlich logisch, dass einer wie ich irgendwann über den stolpern muss.» Allerdings hätte einiges dafür gesprochen, dass Shechter an einer megalomanischen Dröhnung hängen bleibt, am «Walkürenritt» etwa. Stattdessen hat er einen «Tannhäuser»-Fetzen explantiert und seiner eigenhändig geschmiedeten «SUN»-Klangmatrix einverleibt. Zumindest unter bellizistischen Aspekten deckt sich der teutonische «Sängerkrieg auf der Wartburg» jedoch mit Hofesh Shechters Kardinalthema: Kampf, Duell, Militanz.

Eine Trias, die «SUN» ...

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Tanz Dezember 2013
Rubrik: produktionen, Seite 8
von Dorion Weickmann

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