Splitternackt
Nackte Körper auf der Bühne, der Konvention der Kleidung entledigt: Was erzählen die bloßen Leiber? Sind sie, was seit Norbert Elias‘ 1939 erschienener Studie «Über den Prozess der Zivilisation» zu bezweifeln wäre, überhaupt «bloß»? Oder tragen sie nicht immer gesellschaftliche Markierungen und Bedeutungen mit sich, unterliegen so oder so Normen, Regeln und Tabus? Nackte Körper stehen einerseits für die Fragilität des Menschseins und das alle Menschen gleichermaßen Verbindende einer materiellen Existenz.
Andererseits sind sie geprägt von sozialen und kulturellen Kontexten, mit denen Choreografie und Regie umgehen müssen: Jede öffentliche und insbesondere jede künstlerische Inszenierung platziert den nackten Körper in einer Matrix binär oder queer codierter Gendermodelle, konventioneller oder progressiver Vorstellungen von Sexualität. Er wird zwischen «Ismen» wie Classism, Lookism, Ageism und Ableism verortet, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Diskurse oder kunsteigener Vorstellungen von Trainingsstand, Fitness und Virtuosität betrachtet. Zu diesen Faktoren verhält sich die Inszenierung kritisch beziehungsweise affirmativ. Oder? Für den zeitgenössischen Tanz klingt das ...
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Tanz Jahrbuch 2019
Rubrik: Splitternackt, Seite 84
von Elena Philipp
Vor einer Premiere oder Vorstellung habe ich Bilder im Kopf, Gefühle, Sehnsüchte und den Anspruch, meine Arbeit so gut zu machen, wie ich kann – nicht mehr, nicht weniger. Für einen Talisman ist da kein Platz.
Auch bestimmte Rituale gibt es in diesem Moment nicht. Die Vorstellung ist für mich ein Ritual, das mich mit Menschen verbindet, die ich größtenteils nicht...
Sie ist erst sechzehn, als sie verheiratet wird. In der Hochzeitsnacht erschreckt sie der Angetraute schier zu Tode. Und das erste Mal hat eher etwas von einer Vergewaltigung als von einem Liebesakt. Kein Wunder, dass die Ehe nicht halten kann, was sie den anderen verspricht. Der Mann geht fremd, nimmt Drogen, setzt schließlich seinem Leben ein Ende. «Mayerling»,...
Einen Talisman, Glücksbringer oder ein bewusst gewähltes Ritual vor Vorstellungsbeginn, all das habe ich nicht. Obwohl mir schon auffällt, dass ich es bevorzuge – und daher auch immer so einzurichten versuche –, schon vor Vorstellungsbeginn auf der Bühne zu sein. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil ein Auftritt auf der Bühne so etwas ist wie eine Einladung von...
