singspiele
Ab vierzig ist man für sein Gesicht verantwortlich, soll Leonardo Da Vinci gesagt haben. Napoleon Bonaparte wird zugeschrieben, die Grenze auf dreißig gesenkt zu haben, als ihm eine Visage unbehaglich war. Albert Camus sprach nur noch von «einem bestimmten Alter». Und wenn es schon bei der Geburt so wäre? Der Gesichtsausdruck geht mit Verantwortung einher. Der britische Dramatiker Edward Bond arbeitet, offensichtlich beeinflusst von der Philosophie Emmanuel Levinas‘, mit Kindern und schreibt schon Neugeborenen ein unbewusstes Gefühl der Verantwortung für die Menschheit zu.
Und nun kommt die Choreografin Maguy Marin mit ihren vielgesichtigen «Singspielen». Was tut ein Konterfei? Es deutet den Charakter an, die Psyche, den Gesundheitszustand, die gegenwärtigen Lebensumstände und manchmal auch in der Vergangenheit durchlebte Prüfungen. Es spiegelt Emotionen und erzeugt sie. Jede Begegnung mit einem Menschen fasziniert und gibt Rätsel auf. In «Singspiele» durchleben wir den Vorgang dutzendweise, im Zeitraffer. Es ist ein Solostück, doch eigentlich müsste man ein neues Wort dafür erfinden. Nicht «Solo», sondern «Vielo» zum Beispiel, meint Maguy Marin. Mit dem Mund hält David Mambouch ...
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Tanz August/September 2014
Rubrik: tanz im august, Seite 36
von Thomas Hahn
Bournonville. Das dänische Ballett. Das sind lange Röcke aus einer Zeit, als offene Gaslampen am Bühnenrand die weich fließenden Musselin-Stoffe bisweilen in Flammen aufgehen ließen. Aus den Leuchten wurden tödliche Fallen für Tänzerinnen, die als lebende Fackeln vor dem Zuschauer verbrannten. Trotzdem blieben diese weißen langen Röcke der Inbegriff des...
Der Vorwurf ist ja so evident: «Ich versteh das Gehampel nicht. Was erzählt es denn?» Tanz ist okay als cooles Lockerlassen im Schauspiel. Oder als befreiende Leibesübung im Musiktheater. Selbst der in die Oper ausgewanderte Choreograf Joachim Schlömer erzählt, er habe irgendwann den «Anspruch an die Tiefenwirkung der Geschichte, die erzählt wird, im Tanz vermisst»...
Was verbirgt sich hinter «Physical Introduction»?
Das habe ich letztes Jahr beim Festival «Tanz im August» zum ersten Mal ausprobiert. Erst mal geht es darum, das Publikum zu einer körperlichen Erfahrung einzuladen. Das dauert eine Stunde und findet ein oder zwei Stunden vor einer Abendvorstellung statt. Es ist offen für jedermann. Tanzerfahrung ist keine nötig,...
