schwanenschritte
Neunzig Quadratmeter feinstes, jungfräulich weißes Papier, wie ein Tanzteppich auf dem Boden ausgerollt. Schon nehmen die Schwänchen Aufstellung, reihen sich zum ikonischen Pas de quatre aus dem «Schwanensee». Ihre Spitzenschuhe pikieren den Untergrund, die Sohlen senken und heben sich synchron, der Abstand zwischen seitlich geneigter Wange und Schulter scheint mit dem Zentimetermaß festgelegt. Knapp zwei Minuten nimmt der Auftritt in Anspruch, eine Filmkamera fängt ihn aus der Vogelperspektive ein.
Von dort wirken die Tänzerinnen wie Köpfe mit seltsam gestauchten Körpern und x-förmig verschränkten Armkettengliedern. Doch sobald das Quartett sich vom Platz bewegt, gar die Raumposition wechselt, erfasst das Objektiv von der Decke aus eine merkwürdige Erscheinung: Jeder Schritt, jede Berührung hinterlässt auf dem gleißenden Weiß des Papiers anthrazitgraue Marker.
Bis zuletzt Kritzel und Kringel, Striche, Haken, Ellipsen und leicht verschliffene Punkte exakt die Wege nachzeichnen, die das Vierergespann genommen hat: ein Abdruck der Choreografie in der Fläche, eine Spiegelung ihres Bodenmusters. Gerade so, als hätte Raoul-Auger Feuillet eine sehr flüchtige Skizze seiner «Chorégraphie» ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz März 2016
Rubrik: Bewegung, Seite 4
von
Wer sein Kind ermordet, um es für das Kriegsgeschäft in einer Wette auf das Wetter zu opfern, wie es Agamemnon tat, 2500 Jahre alter Antiheld des Bestsellerautors Aischylos, der das Blut seiner Tochter Iphigenie gegen Nordwind tauschte, ist ein echter Idiot. Lüneburgs Tanzchef Olaf Schmidt besetzt ihn trotzdem mit einem Heldenkörper, Wallace Jones. Dessen Tod...
Hans Fors, Sie haben im schwedischen Järna Eurythmie studiert und sind dieser Bewegungskunst seit Langem verbunden. Nun haben Sie ein Buch über die «Geschichte der Eurythmie im tanzhistorischen Kontext 1912 – 1930» geschrieben. Was war der Anlass?
In den konservativen Teilen der Eurythmie-Szene hieß es, dass diese Ausdrucksform nichts mit Tanz zu tun habe. Ich...
Sieben Jahre ist «Hold Lightly» alt. Im Rahmen eines «Beethoven»-Abends des Kevin O’Day Ballett Mannheim entstanden, nahm die damalige Solistin des Stuttgarter Balletts das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll zum Anlass, «Zäsuren und Neuanfängen» nachzuspüren wie auch der «Frage nach dem Weitergehen und Zurücklassen und dem, was ihm folgt». Bridget Breiner stand seinerzeit...
