Richard Siegal «New Ballets Russes»
Die mentale Flexibilität des Tanzpublikums ist schon erstaunlich: Hat man nicht in Nürnberg bis vor ein paar Monaten Goyo Montero frenetisch applaudiert? Jetzt kommt mit Richard Siegal und seinem Ballet of Difference ein ganz anderes Register zum Zug: klassisch grundiert, mit Neigung zum Spitzenschuh, der hier als zeitgenössisches Tool betanzt wird. Et voilà – das neue Ensemble, ein Mix aus Siegal-Getreuen, Neulingen und Ex-Montero-Tänzer*innen, kriegt nicht weniger Beifall ab als seine Vorgänger*innen.
Und das verdientermaßen, wobei Siegals als «New Ballets Russes» etikettierter Strawinsky-Doppelpack – «Pulcinella»-Uraufführung und «Petruschka»-Übernahme aus Köln – locker daherkommt und freudig mit allerlei akademischen Deklinationen hantiert: Flexfüße, Hände mit akkurat geknickten Gelenken, Armlinien mit Art-déco-Akzent schieben Arabesques und Assemblés aus strikt klassischen Koordinatensystemen Richtung Contemporary. Das Programmheft allerdings (eingeleitet von einer anscheinend KI-generierten Übersetzung des Siegal-Grußworts ohne stilsichere Post-Edition) schweigt zu den Originalinhalten beider Stücke. Was dazu führt, dass außer Kenner*innen niemand das Ausmaß der beträchtlichen Überschreibung ermessen kann, die Siegal vorgenommen hat: angefangen von der komplett zum Soldaten mutierten «Mohren»-Figur in «Petruschka» bis zum völligen Revirement der «Pulcinella»-Fabel und ihres Personals.
Denn der gebürtige Amerikaner legt einen Trump-Filter über die ganze Story: Òscar Alonsos Pulcinella ist ein Blender und ein Tyrann der Gegenwart, umzingelt von einer Queer Family samt ebenso freiliebendem Hofstaat. Florindo und Cloviello firmieren als Flüchtlingsduo, das sich dem Pärchen Prudenza und Rosetta an den Hals wirft und per Eheschließung Aufenthaltsrecht erwirkt. Siegal inszeniert die grelle Farce auf Spuren der Commedia dell´Arte mit ansteckendem Witz, umgeht Verständnisfallen per Textprojektion auf Jean-Marc Puissants edelgrauen Palisadenwänden, und die Tänzer*innen gestalten frisch, frei, fröhlich einen Stoff, der die grimmige Wirklichkeit in Unterhaltung verwandelt.
«Petruschka» kommt dagegen passagenweise wie eine kinetische Graphic Novel daher. Da werden Freeze-Elemente, gestochen scharfe Figuren und ausgelassenes Volksgetümmel durcheinandergewirbelt. Margarida Netos Petruschka ist eine Widergängerin des allerersten Puppenmenschen, Vaslav Nijinsky, und verhilft Siegals ästhetischem Programm zum Durchbruch: Hier wird das revolutionäre Potenzial der Ballets Russes ins Heute verlängert und mit heutigen Energien aufgeladen. Beide Stücke musiziert die Staatsphilharmonie Nürnberg mit Jan Croonenbroeck am Pult hochtransparent, mithin sensibel für die Schichtungen und Gewichtungen der Partituren.
Wieder 6., 11. April
www.staatstheater-nuernberg.de
Tanz April 2026
Rubrik: Kalender, Seite 46
von Dorion Weickmann
kommt der «Welttanztag». 1982 ins Leben gerufen und auf den 29. April, das Geburtsdatum des Ballettreformers Jean-Georges Noverre, gelegt, teilt er sich den Platz im Kalender u. a. mit dem «Tag der Immunologie» und dem «Tag des Lärms» – internationalen Gedenktagen, zu denen sich weitere nationale hinzugesellen: in den USA etwa der «National Zipper Day», der an die Vergabe des US-Patents...
London
ELIXIR FESTIVAL
Älterwerden ist schon länger ein Thema für den Tanz: die Frage, wie die Kunst weitergeführt werden kann, auch jenseits der Grenze von 40 Jahren, wird nachdrücklich gestellt und zwar zunehmend nicht nur im Zeitgenössischen, sondern auch im klassischen Ballett. Das Londoner Sadler’s Wells hat den Bereich schon länger im Blick, 2014 wurde das kleine «Elixir Festival»...
Fortbildung
ZZT/Zentrum für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln
MA Tanzwissenschaft Bewerbungsschluss: 1. Juni
www.hfmt-koeln.de/tanz
«ImPacT», die Summer Academy von «ImPulsTanz Wien»
vernetzt mit der internationalen Tanzwelt, vom 12. bis 28. Juli Bewerbungsschluss: 13. April
www.impulstanz.at
The EUROLAB Certificate Program in Laban/Bartenieff Movement...
