Ravel-Rausch
Es kann auch besser laufen als in Hamburg (S. 52): Seit Anfang der Spielzeit dirigieren Bridget Breiner und Raphaël Coumes-Marquet (tanz 12/23) das Ballett am Rhein, dessen Auftritte sich auf die Opernhäuser in Düsseldorf und Duisburg verteilen. Die Zuständigkeiten sind klar geregelt: Sie amtiert als Chefchoreografin und sorgt fürs künstlerische Profil, er ist der organisatorische Allrounder. Und während beider Vorgänger Demis Volpi in der Freien und Hansestadt Schiffbruch erlitt, befindet sich das Duo wohlauf und offenbar auf Erfolgskurs.
Was weit über die Region hinaus von Bedeutung ist, ja eine Art Rehabilitation. Denn nachdem Sasha Waltz und Johannes Öhman 2020 am Berliner Staatsballett die Brocken hinwarfen, weil sie als Führungstandem nicht auf einen Nenner kamen, geriet das noch kaum erprobte Prinzip der Doppelspitze in Verruf. Breiner und Coumes-Marquet erbringen nun den Beweis seiner Praxistauglichkeit, nicht zuletzt anhand künstlerischer Erträge. Zu den feinen Ergebnissen ihrer ersten Saison zählt auch die vierteilige «Soirée Ravel» aus Anlass des 150. Komponistengeburtstags, von der Hausherrin persönlich gemeinsam mit dem Gastchoreografen Richard Siegal bestückt, der wiederum selbst zum Sprung in die Direktorenriege ansetzt. Sein Einsatzort ab Spielzeitbeginn: Staatstheater Nürnberg.
Das Pariser Chaillot-Theater, die Madeleine-Kirche, ein verwaistes Restaurant – historische Bilder auf der Bühnenleinwand des Duisburger Opernhauses spiegeln die Tristesse, die sich im Ersten Weltkrieg auch über die französische Hauptstadt legte. Vorne sitzt die Pianistin Alina Bercu und intoniert Maurice Ravels «Konzert für die linke Hand», 1930 im Auftrag eines kriegsversehrten Musikers zu Papier gebracht. So, wie der Waffengang die Welt erschöpfte, müssen auch die Tänzer des Ballett am Rhein zurück zum Nullpunkt ihrer Kunst: simple Kniebeugen, Croisé-Posen, schnurgerade Linien, lockere Kreise – etwa mit abwechselnden Arabesques piqués und Déboulés, hübsch anzusehen. Bridget Breiner denkt Ravels Komposition als Parabel auf familiäre Konflikte und agonale Verhältnisse. Das Geleit geben antike Göttergestalten, die das Geschehen als menschheitsgeschichtliche Universalie markieren und zugleich vorausweisen auf den mythischen Bezug, der in Teil III des Abends ins Spiel kommt. Schon hier aber winden sich der Kriegsgott Ares und Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, leitmotivisch durch die Szenen. Die sanft dahinfließenden Pas de deux setzen empathische Energien frei, und aus der intimen Verknüpfung von Tanz und Musik erwächst ein feinfühliger Prolog – mit rabiatem Anschluss.
Schachern um Posten und Pöstchen
Ravels «La Valse» ist bereits von eminenten Choreograf*innen tänzerisch verdichtet worden, angefangen bei Bronislava Nijinska über George Balanchine bis hin zu Frederick Ashton (um nur die berühmtesten zu nennen). Jetzt also kommt Richard Siegal daher und übersetzt die fabelhafte Hommage an den Dreivierteltakt in eine Art La -biche-Vaudeville am Abgrund: ein irrwitzig groteskes, zwischen Tisch und Drehtür verhandeltes Machtspektakel mit galligem Humor und hohem Unterhaltungsfaktor. Pate steht Kurt Jooss’ «Der Grüne Tisch», der in Bewegungszitaten aufscheint und überhaupt die Atmosphäre des Schacherns um Posten, Pöstchen und Positionen aromatisiert. Es entbrennt: ein Showdown zwischen diktatorischem Herrenmensch und einer Schar Domestiken – mit mörderischer Stoßrichtung. Toxisch, dekadent und vollkommen dysfunktional rotiert dieses destruktive Kollektiv durch den Raum, den – wie sämtliche Settings und Kostüme der vier Uraufführungen – Jean-Marc Puissant entworfen hat. Noch nie hat «La Valse», von Serge Diaghilew für seine Ballets Russes erst bestellt und dann verworfen, so ungeschminkt den Untergang beschworen. Ein Ballett, wie maßgeschneidert für die Zustände anno 2025.
Weniger zeitgeistig radikal als meditativ fällt Bridget Breiners «Daphnis et Chloé, Suiten» aus, das gleich drei Libido-Varianten von antiken Divinitäten verhandeln lässt: gewalttätiges, romantisches und reifes Verlangen. Was ein feingliedrig bewegtes Art-déco-Tableau ergibt, locker mit «Faun»-Zitaten versetzt und einer Apotheose bekrönt, die an Maurice Béjarts paarverherrlichendes «Sacre»-Finale erinnert. Breiner hat die griechische Vasenmalerei ebenso studiert wie die Fresken ägyptischer Grabkammern, und ihre großartig präparierten Tänzer*innen scheren selbst dort nicht aus, wo das gestalterische Gefüge aufgrund inhaltlicher Überfrachtung leicht ins Knirschen gerät. Nicht nur deshalb sei empfohlen, sich vor dem Besuch der Vorstellung mit der Story vertraut zu machen.
Nicht nötig beim Schlussknaller, Richard Siegals als «Boléro» getarntem City-Marathon auf XXL-Laufband, mit Salsa, Tango, Fandango-Anklängen und spitzenschuhmäßig betanztem Sneaker. Wer sich hier nicht entschieden vorwärts schiebt, landet im dunklen Abseits – und sprintet natürlich nur Sekunden später zurück ins Rampenlicht. Ein Schaulauf in Anzug und Gym-Montur, präzis getaktet wie ein Chronometer und mit Schrittmaterial getunt, das so hip ist wie sophisticated: also ganz und gar amerikanisch im Sinne eines Anti-Trump-Manifests. Choreografie wie Partitur schnüren perfekte Dauerschleifen, von Katharina Müllner am Pult der Duisburger Philharmonie auf Highspeed gepusht. Dieser «Boléro» ist ein perfekt getimtes Ballet Workout im Ravel-Rausch – zur Premiere gefolgt von Ovationen für Siegal, Breiner, Ensemble wie Orchester. Recht so.
Wieder Opernhaus Düsseldorf, 12., 14., 20., 24., 27. September; www.operamrhein.de
Tanz August/September 2025
Rubrik: Produktionen, Seite 8
von Dorion Weickmann
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