Planet Kigali

Ein Team aus der Hamburger Tanzszene reist ins ehemalige Deutsch-Ostafrika. Und erlebt, wie Ruanda den Deutschen den Spiegel vorhält

In Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, steht das Vier-Sterne-Hotel «Des Milles Collines», das Hotel der tausend Hügel. Die Reichen und die Schönen treffen sich am Swimmingpool. Gleich neben dem großen Becken hat man eine Bühne improvisiert für das National Ballet of Rwanda. Diese Kompanie der tanzenden Sänger und singenden Tänzerinnen ist gleich alt wie das im Stil der 1970er-Jahre erbaute Hotel. Wir nehmen Platz an runden, mit weißen Laken umhüllten Tischen und recken die Hälse zur Bühne. Urukerereza heißt die Truppe in der Landessprache.

Sie verweigert sich jeder Verbeugung vor dem touristischen Geschmack. Gellend und in Riesenschritten werden afrikanische Tanztraditionen mit indischen Einflüssen zelebriert, die einst über Tansania hinauf in dieses Bergland mit seinem milden Klima flossen. Es gibt in dieser Stadt keine Theaterhäuser. 

Also bietet das Hotel dem Nationalballett einen Zufluchtsort, wie es das schon einmal tat, im Jahr 1994, als der damalige Hoteldirektor 1200 Menschen auf der Flucht vor den Hutu-Milizen und ihren Macheten Asyl gewährte. Mutig stellte er sich nahezu allein einem Genozid entgegen, dem binnen hundert Tagen fast eine Millionen Tutsi (die damals regierende Minderheit und Elite), gemäßigte Hutu und Twar zum Opfer fielen. Der Film «Hotel Ruanda» aus dem Jahr 2004 erzählt diese Gräuel, die einer frei erfundenen Rassenideo-logie entsprangen und das fruchtbare Land in einen grausamen Bürgerkrieg zwischen vermeintlichen Viehzüchtern (Tutsi), Ackerbauern (Hutu) und Nomaden (Twar) führte.

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau versuchte 2011, dieses von einem Radiosender angefeuerte Schlachten zu rekonstruieren. «Hate Radio» hieß das Stück, in dessen Team schon damals zwei Tanzbegeisterte mit dabei waren: der ruandische Autor und Tanzmacher Dorcy Rugamba und der Dramaturg Jens Dietrich. Die beiden sind nun gemeinsam mit der Hamburger Choreografin Yolanda Gutiérrez erneut nach Ruanda zurückgekehrt, auf den «Planeten Kigali», wie sie es nennen. Statt «Hotel Ruanda» haben sie einen ganz anderen Film vor Augen: «Black Panther» nach dem gleichnamigen Marvel-Comic.

Wakanda 

Dieser aktuelle Kinohit spielt in einem imaginären afrikanischen Land, in Wakanda, das dank eines Meteoriteneinschlags eine äußerst seltene Erde abbaut, Vibranium genannt. Der neue Reichtum verwandelt Wakanda in einen Hightech-Staat. Nach außen hin aber behauptet er sich weiterhin als Schwellenland. Wer diesen Film in Ruanda sieht, weiß sofort, wo Wakanda liegt: hier oben auf den Hügeln rings um Kigali, dieser blitzsauberen, hochmodernen Hauptstadt, so groß wie Hamburg. Weil es hier nur ein einziges Kino gibt und keine einzige unzensierte Zeitung, besorgen die Förderung der Künste private Initiativen: etwa das nach dem Genozid errichtete Ishyo Arts Center, das Mashirika Arts Center und seit 2012 die hinter roten Steinmauern versteckte Ruanda Arts Initiative im Elternhaus des Schriftstellers und Choreografen Dorcy Rugamba. 

Die ehemalige Garage dient als Tanzstudio. Das Haus ist umgeben von einem kleinen Garten, in dem Dorcys Vater Cyprien Rugamba begraben liegt, ein einflussreicher katholischer Intellektueller, Schriftsteller und Choreograf, der 1976 das Ballett Amasimbi n’Amakombe gegründet hatte. Den Genozid überlebte er nicht. Sein Sohn Dorcy floh nach Belgien, inszenierte dort Peter Weiss’ «Die Ermittlung» als Ruanda-Tribunal und traf Milo Rau. Dessen «Hate Radio» war in Europa eine der letzten Auseinandersetzungen mit der blutigen Vergangenheit Ruandas. Heute erinnern Choreografinnen wie Dorothée Munyaneza (tanz 7/18) an jenen Völkermord, dem auch sie ins Exil entkommen war.

Afrofuturismus

Die Vergangenheit schläft unruhig. Und sie lebt fort im 55-jährigen Evariste Kalinganire, der bis zum Tod von Cyprien Rugamba in dessen Ensemble Amasimbi n’Amakombe tanzte und nach 1994 Mitglied des Ruandischen Nationalballetts wurde. Kalinganire tanzt in «Planet Kigali» quasi das lebende Denkmal des ruandischen Tanzes. Mit dem berühmten Adorno-Verdikt «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch» kann der drahtige Mann viel anfangen. Wie weiter tanzen nach dem Genozid? Als Losung gilt: «Black to the Future». Dieser von Mark Dervy geprägte Ruf des sogenannten Afrofuturismus gipfelt in eben jenem «Black Panther»-Film, der voll ist mit Anspielungen auf die Ikonen der schwarzen Emanzipationsbewegung seit den 1960er-Jahren, auf Sängerinnen wie Grace Jones, Jazzer wie Sun Ra und Künstler wie Jean-Michel Basquiat. Überwältigende Bässe, vom Hamburger Komponisten Andi Otto herausoperiert aus dem traditionellen Hochland-Sound, lassen im Probenstudio in Kigali die Adern vibrieren. Der Afrofuturimus feiert die Maske des Archaischen: konsequenterweise in Form von Polizeihelmen, die der Künstler Chris Schwagga für «Planet Kigali» schuf, ein Tanzstück, das sich auf einen Kunststil stützt, den es so nur in Ruanda gibt: Imigongo heißt er.

Imigongo 

Das kleine Tanzensemble – drei Mitglieder stammen aus Deutschland, drei aus Ruanda – ist unterwegs in ein winziges Straßendorf namens Kibungo. Die vorbeirasenden Lastwagen aus Tansania wirbeln roten Lehmstaub auf. Die niedrige Mauer vor der Straße will vergeblich ein altes afrikanisches Rundhaus schützen. Mit jeder Schwerlastfuhre regnet es roten Staub auf sein Dach. Eine Frauenkooperative pflegt hier ein Erbe aus Zeiten, als Ruanda ein Königreich war und noch nicht (mit Tansania und Burundi) Deutsch-Ostafrika hieß. Aus Lehm, gebrannt mit weißem Porzellan-Kaolin, dem Saft der Aloe Vera und der Asche von Bananenschalen, entsteht ein irdenes Wanddekor, das in strenger, oft schwarz-weißer Ornamentik das Innere des traditionellen Rundhauses, aber auch zahllose Fassaden in Kigali schmückt. 

Für diese Imigongo genannte Kunst ordnet die Bühnenbildnerin Jelka Plate schwarze und weiße Tanzteppichbahnen in ähnlich strengen, sich allmählich verschiebenden Mustern an. Schwarz und Weiß tanzen in «Planet Kigali» gemeinsam, üben sich in Stärke, Insistenz, Stolz und haben nur wenig übrig für bloße Gesten der Versöhnung durch künstlerische Kooperationen zwischen Deutschland und Afrika, für die «Turn»-Fonds der Bundeskulturstiftung viel gutes Geld über die deutsche Tanzszene ausgeschüttet hat. 

«In Ruanda gibt es keine Tanzschulen», sagt Eliane Umuhire, eine der Tänzerinnen dieses temporären deutsch-ruandischen Ensembles in Kigali: «Man muss schon nach Tunis oder nach Dakar (zur École des Sables von Germaine Acogny) reisen oder gleich nach Europa. Afrikas traditionelle Tänze sind in der Regel Kriegskunst», sagt sie, «sie sorgen für Identität, aber sie befragen nicht die Zukunft, nicht die Kultur, die noch immer vom kolonialen Blick bestimmt wird. Wir spiegeln uns in den Weißen. Wir übernehmen deren Rassismus. Wir übernehmen deren Blick auf die Armut Afrikas, anstatt afrikanischen Stolz zu pflegen. Ich denke, Afrofuturismus will genau diesen Stolz herstellen», um sich der Opferrolle zu entledigen, in die Eliane Umuhire auch selber geriet: als Hauptdarstellerin in der polnischen Filmproduktion «Birds Are Singing in Kigali», die auf der «Berlinale» 2017 den Silbernen Bären erhielt. Es war die Geschichte eines Mädchens aus Ruanda, das, während des Genozids nach Polen adoptiert, dort Opfer des Fremdenhasses wird.

Dieses Perpetuum mobile des Bildes vom Opferafrikaner möchten die Künstler anhalten. Sie wollen einem Afrika widersprechen, das gefangen sei in der «ewigen Wiederkehr des Gleichen» (Nicolas Sarkozy) auf einem Kontinent «ohne Bewegung und Entwicklung» (Hegel), der nur als Schauplatz zur Ausbeutung von Rohstoffen dient und dem jede politische Destabilisierung bloß hilfreich sein kann. Ruanda ist eine Ausnahme. Es hat keine Rohstoffe. Aber eine autoritäre Regierung, die sexuelle Andersartigkeit, Opposition und Meinungsfreiheit unterdrückt und das Zusammenleben mit bürokratischen Finessen im Namen der reinen Vernunft regelt. 

Diese alte deutsche Kolonie ist noch immer deutsch: Rasen betreten verboten. Einmal pro Monat findet kollektiv eine Kehrwoche statt. Plastiktüten wurden hier zuerst verboten, die Korruption ebenso. Rauchen ist verpönt. Gefangene machen sich beim Aufbau des Landes nützlich. Der Präsident persönlich fördert das Radfahren an den steilen Hängen und erklärt es zum Volkssport. Spötter sprechen von einer «grünen Diktatur», die für jedes Problem einen Masterplan hat. Nur für die Kunst nicht.

Igisage

Wir sitzen geschützt vom Regen auf der Terrasse der «Ruanda Arts Initiative» und hören die Geschichte von Dorcy Rugamba, eine Kindheitserinnerung, die er die «Apotheose des Gärtners Sebugegera» nennt. Sie geht so: «Das Auffälligste an Sebugegera war, dass er alt war, dass er klein war und dass er einen sehr niedrigen sozialen Stand hatte. All diese Faktoren zusammengenommen, führten dazu, dass er außerhalb des Kreises der Ballettkünstler ein Mann war, der weitgehend verachtet wurde. Er war unsichtbar, er war transparent wie ein Accessoire in der Landschaft, wir fragten ihn nicht nach seiner Meinung, in gewisser Weise existierte er nicht. Dabei war Sebugegera meine erste Konfrontation mit der Schönheit und mit etwas, das ich als Kind noch nicht formulieren konnte und das über alle Kunst hinausging, die ich damals verstand. Wir saßen auf Stühlen in der Empfangshalle des Gästehauses in Butare. Die Show begann mit Trommeln. Sie waren massiv, die Trommler schlugen sehr hart. Ein Dutzend Trommeln ließen das ganze Gebäude vibrieren, auch die Stühle, auf denen man saß. Ich konnte die Rhythmen sogar in meinen Hoden hören. Es gab Tänzer, die den Kriegstanz aufführten. Es gab Soli mit Sängern, die Polyphonie sangen. Und dann trat Sebugegera ein. Er trug nur ein weißes Lendentuch und ein weißes Muscheljuwel um seinen Hals, Igisage genannt. Er hatte weiße Haare und ein weißes Vlies auf der Brust. Es ließ ihn majestätisch aussehen. Er fing an zu tanzen. Von meinem Stuhl aus konnte ich sehen, wie er wuchs, bis er den ganzen Raum füllte. In meinen Augen war er plötzlich der größte, stärkste und schönste Mann geworden, eine Form von Göttlichkeit.» Sebugegera, in ihm lässt sich der 55-jährige Evariste Kalinganire in diesem Ensemble leicht wiedererkennen, ein stampfender, gellender, wütender Mann. Ein Planet für sich.

«Planet Kigali» hat in Hamburg auf Kampnagel am 12. Dezember Premiere, weitere Aufführungen vom 13. bis zum 16. Dezember; der «Rwandan Arts Klub» präsentiert Filme, Musik und Mode aus Ruanda und diskutiert den vergessenen deutschen Kolonialismus
www.kampnagel.de    


Tanz Dezember 2018
Rubrik: Produktionen, Seite 18
von Arnd Wesemann